
An diesem Sonntag wird wieder gewählt.
Für einige Menschen ist das nach wie vor lediglich ein normaler demokratischer Vorgang an einem weiteren Sonntag. Für andere jedoch sind Wahlen inzwischen nach den letzten Entwicklungen generell vor allem mit starken, negativen Gefühlen verbunden: Angst, Unsicherheit, Wut oder tiefer Sorge, da politische Strömungen an Einfluss gewinnen, die als Bedrohung für demokratische Werte empfunden werden.
Was viele nicht wissen ist, dass es inzwischen für diese Reaktionen einen offiziellen Begriff gibt:
Political Grief – politische Trauer.
Die Inhalte von diesem Blog
- Trauer ohne Todesfall
- Was manche Menschen tatsächlich verlieren
- Wenn die Grundannahmen zerbrechen
- Warum politische Trauer ernst genommen werden sollte
- Was hilft?
Trauer ohne Todesfall
Wenn wir an Trauer denken, denken wir meist an den Tod eines Menschen. Doch Trauer ist viel größer. Wir trauern auch um Beziehungen, Gesundheit, Lebensentwürfe, Sicherheit, Heimat, Zugehörigkeit und Zukunftsvorstellungen. Trauer entsteht einfach immer dann, wenn etwas verloren geht, das für uns bedeutsam war oder aber wenn wir befürchten, es zu verlieren.
Genau hier beginnt Political Grief.
Was Menschen tatsächlich verlieren
Political Grief ist ein noch vergleichsweise junges Forschungsfeld. Wissenschaftliche Arbeiten beschreiben politische Trauer als emotionale Reaktion auf wahrgenommene gesellschaftliche oder demokratische Verluste und deren Auswirkungen auf psychisches Wohlbefinden und gesellschaftliches Engagement.
Political Grief sozusagen als Antwort darauf, dass grundlegende Werte, Identitäten oder Zukunftsvorstellungen erschüttert werden. Die Trauer richtet sich dabei nicht nur auf konkrete politische Entscheidungen. Oft geht es um etwas Tieferes, denn Menschen verlieren das Gefühl von:
- Vorhersagbarkeit
- Sicherheit
- Vertrauen
- Orientierung
Sie erleben einen Bruch ihrer inneren Landkarte.
Trauerforscher sprechen in diesem Zusammenhang von einer Erschütterung der „assumptive world“ – der grundlegenden Annahmen darüber, wie die Welt funktioniert.
Es ist das gleiche Phänomen was uns auch in der klassischen Trauerbegleitung begegnet.
Wenn die Grundannahmen zerbrechen
Nach dem Tod eines geliebten Menschen sagen viele: „Ich erkenne mein Leben nicht wieder.“ „Nichts ist mehr so, wie es einmal war.“ „Ich weiß nicht mehr, woran ich glauben soll.“
Etwas Ähnliches erleben manche Menschen heute im politischen Kontext.
Sie fragen sich:
- Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft?
- Werden meine Kinder noch dieselben Freiheiten haben?
- Sind die Werte, auf die ich vertraut habe, noch tragfähig?
Natürlich erlebt nicht jeder diese Gefühle. Aber dort, wo sie auftreten, sind sie real – und sie verdienen Aufmerksamkeit.
Warum politische Trauer ernst genommen werden sollte
Eine aktuelle Studie zum Thema Political Grief zeigte, dass politische Entwicklungen erhebliche psychische Belastungen auslösen können. Politische Trauer stand dabei in engem Zusammenhang mit Stress, Angst und depressiven Symptomen.
Das bedeutet nicht, dass jede politische Sorge krank macht. Es bedeutet vielmehr etwas anderes, nämlich dass unsere politische Umgebung nicht nur ein rationales Thema ist.
Denn sie berührt unser emotionales Erleben, sie beeinflusst unser Sicherheitsgefühl und sie prägt unsere Zukunftsbilder.
Was hilft?
Als Trauerbegleiterin glaube ich nicht, dass wir schwierige Gefühle wegdiskutieren sollten, aber wir sollten definitiv versuchen, sie zu verstehen und zu hinterfragen „worum trauere ich eigentlich genau?“
Wer um Demokratie trauert, zeigt oft auch, wie wichtig ihm Demokratie ist. Wer um gesellschaftlichen Zusammenhalt trauert, zeigt, wie sehr ihm Gemeinschaft am Herzen liegt. Wer um Freiheit trauert, macht sichtbar, wie wertvoll Freiheit für ihn ist.
In diesem Sinne ist Political Grief nicht nur eine Reaktion auf Verlust, sie kann auch ein Ausdruck von Verbundenheit sein mit Menschen, mit Werten, mit einer Vorstellung davon, wie wir miteinander leben möchten.
Und deshalb beinhaltet diese Trauer die eigentliche Aufgabe nicht nur ständig zu thematisieren, wovor wir Angst haben, sondern vor allem auch, wofür wir eigentlich stehen wollen.
P.S. Wenn Dich das gerade berührt und Du vielleicht genau an diesem Punkt stehst: Du musst das alles nicht alleine für Dich lösen. Mit Lebensnarben kann ich Dich unterstützen – schreib mir gerne.
P.P.S. Wenn Du mehr solchen Input zu Themen wie Verlust, Trauer und Abschied möchtest, dann ist mein Newsletter „Pflasterpost“ genau das Richtige für Dich. Dort schreibe ich regelmäßig immer montags, alle zwei Wochen über Krisen, Verletzlichkeit, Trauer, über leise Verluste, seelische Narben, innere Prozesse und alles Dazwischen. Eben über all das, was tiefer geht und unter der Oberfläche liegt.
Regelmäßig unperfekt, aber regelmäßig ehrlich Es geht um Gedanken, die tiefer gehen, Perspektiven, die man nicht überall liest und Worte für das, was sonst keinen Namen hat. Dinge, die Dich in Deiner Situation ein bisschen begleiten können. Trag Dich hier ein und lies gerne mit.





