
Trauer hat in unserer Gesellschaft erstaunlich viele Regeln.
Zumindest scheint es so.
Nach einer gewissen Zeit sollte es besser werden. Wer selbst eine Entscheidung getroffen hat, darf eigentlich nicht traurig sein. Nach einer Trennung sollte man irgendwann froh sein, dass es vorbei ist. Wenn jemand gestorben ist, muss man stark sein – und insgesamt muss man ja auch irgendwann einfach mal wieder nach vorne schauen.
Das Problem ist, dass Trauer sich nicht an diese Vorstellungen hält. Sie funktioniert so einfach nicht und genau deshalb brauchen wir auch viel weniger soche vermeintlichen Trauerregeln, wie ich finde, und stattdessen viel mehr wirkliche Trauerkompetenz in unserer Gesellschaft.
Fünf Klischees, denen ich nach wie vor auch in meiner Arbeit immer wieder begegne und die wir getrost verabschieden dürfen, findest Du hier in diesem Blogartikel
Die Inhalte von diesem Blog
- Klischee 1: Wenn Du es selbst entschieden hast, darfst Du nicht trauern
- Klischee 2: Trauer muss mit der Zeit verschwinden
- Klischee 3: Wer trauert, muss auch traurig aussehen
- Klischee 4: Stark sein heißt, mit der Trauer alleine klar zu kommen
- Klischee 5: Trauer muss „durchgearbeitet“ werden
- Trauererfahrung und Mitgefühl sind nicht dasselbe
- Wir brauchen weniger Trauerregeln
Klischee 1:
Wenn Du es selbst entschieden hast, darfst Du nicht trauern.
Das ist eines der hartnäckigsten Missverständnisse.
„Du hast dich doch getrennt.“
„Du hast doch selbst gekündigt.“
„Du wolltest doch ausziehen.“
„Du hast dich doch für den Abbruch entschieden.“
Ja.
Und das war vielleicht auch die richtige Entscheidung. Vielleicht sogar die einzig mögliche und trotzdem ist dabei ja etwas Wichtiges verloren gegangen. Eine Entscheidung und die Trauer über die Konsequenzen davon schließen einfach einander definitiv nicht aus.
Man kann sich von einem Menschen trennen und ihn vermissen. Man kann eine Freundschaft beenden und trotzdem um die gemeinsame Geschichte trauern. Man kann einen Lebenstraum bewusst loslassen und trotzdem traurig darüber sein, dass er nicht Wirklichkeit wird.
Und auch diese beiden Sätze können gleichzeitig wahr sein: „Ich wollte, dass es endet“ und „Ich trauere darum, dass es vorbei ist.“ Das eine macht das andere nicht ungültig. Trauer fragt einfach nicht danach, ob wir etwas selbst entschieden haben. Sie fragt nur danach, was uns etwas bedeutet hat.
Klischee 2:
Trauer muss mit der Zeit verschwinden.
Wir haben eine merkwürdige Vorstellung von Zeit, so als wäre Trauer ein Infekt.
Tag 1: Ganz schlimm.
Nach drei Monaten: Schon besser.
Nach einem Jahr: Eigentlich wieder normal.
Und wenn es nicht so läuft?
Dann stimmt offenbar etwas nicht mit uns. Aber Trauer ist nun mal kein linearer Prozess und wird deshalb nicht einfach jeden Monat zehn Prozent weniger. Sie verändert sich. Sie wird vielleicht mit der Zeit leiser. Doch dann taucht sie plötzlich wieder unerwartet auf. Ein Geruch, ein Lied, ein bestimmter Ort und plötzlich ist da wieder dieses Gefühl.
Zwar kein „Zurück auf Null“ fallen, aber immer die Erinnerung daran, dass bestimmte Verluste Teil unserer Lebensgeschichte bleiben.
Klischee 3:
Wer trauert, muss auch traurig aussehen.
Auch das ist so ein Bild, das uns erstaunlich fest im Kopf sitzt. Trauernde Menschen sind still, sie weinen hauptsächlich, ziehen sich zurück und lachen so gut wie nie.
Aber Trauer kann eben auch ganz anders aussehen. Menschen können auf einer Beerdigung lachen. Sie können nach dem Tod eines geliebten Menschen plötzlich unglaublich viel Energie haben. Sie können feiern, arbeiten und auch Witze machen. Sie können sogar irgendwie erleichtert wirken oder aber sich unglaublich schuldig fühlen, weil sie gerade einen schönen Moment genießen.
Und genau da beginnt oft die nächste Falle: „Darf ich eigentlich lachen, wenn ich trauere?“
Ja, natürlich darfst Du das, denn Lachen nimmt der Trauer nichts von ihrer Berechtigung und Freude ist kein Beweis dafür, dass ein Mensch „darüber hinweg“ ist.
Trauer und Freude sind keine Gegenspieler. Sie können am selben Tag nebeneinander existieren, manchmal sogar im selben Moment.
Weinen wird häufig als typische emotionale Reaktion auf eine Verlusterfahrung wahrgenommen. Doch Traurigsein und Weinen sind längst nicht die einzigen Trauergefühle, denn sehr häufig kommen Angst, Ärger, Wut, Sehnsucht und auch Scham hinzu. Nichts selten ist jemand in Trauer gar nicht in der Lage, seine Gefühle (bewusst) zu erleben. Man ist sozusagen emotional völlig überschwemmt und manchmal auch erst nach längerer Zeit fähig, die eigenen Empfindungen wahrzunehmen.
Trauer ist immer individuell, sie ist weder statisch, noch folgt sie einem konkreten Ablauf. Die Bandbreite möglicher Gefühlsreaktionen reicht in der Trauer von leichter Betroffenheit bis hin zum psychischen Ausnahmezustand. Auch ist es eine Fehlannahme, wenn wir davon ausgehen, dass eine Verlusterfahrung die Fähigkeit verringert, Freude zu empfinden. Keine Freude mehr zu zeigen und nicht mehr zu lachen, hat bedauerlicherweise viel eher mit (vermeintlichen) kulturellen Normen zu tun und weniger mit dem persönlichen Verlust.
Klischee 4:
Stark sein heißt, mit der Trauer alleine klarzukommen.
„Du musst jetzt stark sein“
„Du schaffst das schon“
„Du musst jetzt nach vorne schauen“
Diese Sätze klingen zunächst wie ein Kompliment, aber oft steckt hinter diesem „Du bist so stark“ die eigene Rückversicherung und Erleichterung, dass derjenige ja schon klarkommt und man sich selber keine Sorgen und nicht irgendwie weiter einbringen muss.“
Dabei ist Stärke nicht unbedingt das Gegenteil von Bedürftigkeit und deshalb wäre es oft so viel mutiger zu sagen: „Ich kann gerade nicht,“ „Ich brauche Dich gerade,“ „Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich das schaffen soll.“ „Kannst du einfach ein bisschen bei mir bleiben?“
Trauer ist nichts, was wir möglichst effizient alleine abarbeiten müssen, denn wir Menschen sind soziale Wesen und wir brauchen andere Menschen. Dabei kann natürlich niemand unseren Schmerz wegmachen, aber wir möchten uns dabei nicht auch noch völlig alleine fühlen. Und genau deshalb ist für mich auch die Co-Regulation im Trauercoaching ein so wichtiger Gedanke, denn unser Nervensystem beruhigt sich nicht durch irgendeinen eigenen disziplinierten Gedanken, sondern vor allem durch einen Menschen, bei dem wir uns sicher fühlen.
Klischee Nr. 5:
Trauer muss „durchgearbeitet“ werden
Wenn wir einen Verlust erleben, hören wir häufig, dass wir uns unserer Trauer stellen, unsere Gefühle zulassen und den Schmerz aktiv bearbeiten müssen, um ihn irgendwann hinter uns lassen zu können. Der Begriff „Trauerarbeit“ vermittelt dabei schnell den Eindruck, Trauer sei eine Aufgabe, die wir erledigen müssen, damit wir wieder nach vorne schauen dürfen.
Doch so funktioniert Trauer nun mal nicht unbedingt.
Natürlich kann es hilfreich und wichtig sein, sich mit einem Verlust auseinanderzusetzen, Gefühle zuzulassen und zu verstehen, was sich im eigenen Leben verändert hat. Aber daraus lässt sich nicht ableiten, dass Menschen ihren Verlust besser verarbeiten, wenn sie sich möglichst intensiv und bewusst mit ihrem Schmerz beschäftigen. Es gibt keinen allgemeingültigen Weg, keine festgelegte Methode und kein Pflichtprogramm, das jeder Mensch durchlaufen muss.
Vielmehr wechseln sich bei vielen Menschen Phasen ab, in denen die Trauer deutlich spürbar ist, und Zeiten, in denen andere Dinge in den Vordergrund rücken. Wir erinnern uns, weinen, vermissen und stellen uns Fragen. Und dann lachen wir vielleicht über etwas, gehen arbeiten, treffen Freunde oder freuen uns auf etwas, das vor uns liegt. Manchmal beschäftigen wir uns ganz bewusst mit dem Verlust, manchmal brauchen wir Abstand davon.
Beides darf sein. Trauer braucht nicht nur Raum für den Schmerz, sondern auch Raum für das Leben, das weitergeht.
Sich abzulenken bedeutet deshalb nicht automatisch, Gefühle zu verdrängen oder vor der Trauer davonzulaufen. Manchmal ist es genau das, was wir brauchen, um Kraft zu schöpfen und uns Schritt für Schritt in einer veränderten Lebenswirklichkeit zurechtzufinden. Entscheidend ist nicht, wie häufig wir an unseren Verlust denken oder wie intensiv wir uns mit ihm beschäftigen. Entscheidend ist, was uns in unserer jeweiligen Situation guttut.
Anders kann es aussehen, wenn jemand den Verlust dauerhaft nicht an sich heranlassen kann, die Realität des Geschehenen nicht akzeptieren kann oder so sehr in Vermeidung gefangen ist, dass das eigene Leben kaum noch möglich ist. Dann kann es sinnvoll sein, sich Unterstützung zu holen und gemeinsam hinzuschauen, was hinter dieser Reaktion steckt.
Trauererfahrung und Mitgefühl sind nicht dasselbe
Dieses Klischee klingt sicherlich zunächst etwas ungewöhnlich. Aber hier geht es um eine wichtige Unterscheidung, denn nur weil jemand selbst schon einmal getrauert hat, bedeutet das nicht automatisch, dass er andere Menschen in ihrer Trauer gut begleiten kann.
Und umgekehrt muss jemand nicht selbst exakt dieselbe Erfahrung gemacht haben, um mitfühlend zu sein.
Vielleicht kennst du das ja auch – jemand erzählt Dir von seinem Verlust und Du denkst sofort: „Das kenne ich, das war bei mir genauso“ – und schon erzählst Du Deine eigene Geschichte. Immer gut gemeint, aber nicht unbedingt das, was Dein Gegenüber gerade braucht. Er braucht vielmehr jemanden, der seine Geschichte hören und mit aushalten kann.
Denn Trauer ist individuell. Meine Trauererfahrung macht mich nicht automatisch zur Expertin für Deine Trauer, denn Mitgefühl bedeutet nicht „Ich weiß genau, wie Du Dich fühlst.“ Das können wir ohnehin nie ganz wissen. Mitgefühl bedeutet einfach eher „Ich möchte verstehen, wie es für Dich ist.“
Das ist ein großer Unterschied.
Deshalb brauchen wir weniger Trauerregeln
Wann darf man wieder lachen?
Wie lange darf man traurig sein?
Wie schnell muss man wieder funktionieren?
Wie sollte man sich auf einer Beerdigung verhalten?
Wann darf man wieder feiern?
Wie stark muss man sein?
Wie oft darf man noch über den Verstorbenen sprechen?
Das sind für mich definitiv nicht die wichtigsten Fragen, denn ich bin davon überzeugt, dass wir stattdessen vielmehr etwas anderes brauchen, nämlich Bewusstsein, Menschlichkeit und Mitgefühl und den Mut, auszuhalten, dass Trauer nicht immer logisch ist. Wir brauchen nicht für jede Reaktion sofort eine Erklärung und nicht jedes Gefühl muss sofort irgendwie korrigiert werden. Wirklich wichtig ist es, einem Menschen sagen zu können „Ich muss nicht alles verstehen, was passiert ist, aber ich kann versuchen, Dich zu verstehen.“
Und das wäre dann schon ganz viel.
P.S. Wenn Dich das gerade berührt und Du vielleicht genau an diesem Punkt stehst: Du musst das alles nicht alleine für Dich lösen. Mit Lebensnarben kann ich Dich unterstützen – schreib mir gerne.
P.P.S. Wenn Du mehr solchen Input zu Themen wie Verlust, Trauer und Abschied möchtest, dann ist mein Newsletter „Pflasterpost“ genau das Richtige für Dich. Dort schreibe ich regelmäßig immer montags, alle zwei Wochen über Krisen, Verletzlichkeit, Trauer, über leise Verluste, seelische Narben, innere Prozesse und alles Dazwischen. Eben über all das, was tiefer geht und unter der Oberfläche liegt.
Regelmäßig unperfekt, aber regelmäßig ehrlich Es geht um Gedanken, die tiefer gehen, Perspektiven, die man nicht überall liest und Worte für das, was sonst keinen Namen hat. Dinge, die Dich in Deiner Situation ein bisschen begleiten können. Trag Dich hier ein und lies gerne mit.





