
„Ich weiß noch genau, wo ich war, als ich davon erfahren habe.“
Diesen Satz sagen Menschen sehr oft, wenn es um die Anschläge auf das World Trade Center in Newe York am 11. September vor 25 Jahren geht – und vielleicht kennst Du das ja auch auch.
Es ist eines dieser Ereignisse, bei denen unser Gedächtnis plötzlich nicht mehr nur eine Information speichert – es speichert einen ganzen Moment. Wo wir waren, mit wem wir zusammen waren, was wir gerade gemacht und was wir als erstes gedacht haben – und manchmal sogar, wie sich dieser Moment körperlich angefühlt hat.
Die Inhalte von diesem Blog
- Lebensnarben sind viel mehr als nur Geschichte
- Wenn die große Geschichte plötzlich eine ganz persönliche wird
- Was wir an diesem Tag außerdem verloren haben
- Manche Spätfolgen zeigen sich erst Jahrzehnte später
- Trauer hat kein Ablaufdatum
- Das, was bleibt
- Und das alles darf gleichzeitig wahr sein
Lebensnarben sind viel mehr als nur Geschichte
Jetzt, 25 Jahre später, ist der Tag Geschichte, aber die Geschichte ist für viele Menschen noch lange nicht abgeschlossen. Fast 3.000 Menschen starben an diesem Tag, sie alle kosteten die Anschläge vom 11. September 2001 das Leben.
Menschen, die morgens zur Arbeit gingen, Menschen, die im Flugzeug saßen, Menschen, die als Feuerwehrleute, Polizisten, Rettungskräfte oder Helfende zu einem Ort eilten, an dem andere Menschen Hilfe brauchten und Menschen, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren.
Für ihre Familien endete an diesem Tag nicht nur ein Leben – es veränderten sich auch das andere, nämlich das Leben danach. All die kleinen und großen Momente, bei denen jemand gefehlt hat. Denn Trauer ist nicht nur das, was direkt nach einem Tod passiert. Trauer ist vor allem auch das Leben, das danach anders ist.
Das betrifft aber nicht nur die Hinterbleibenden, sondern auch eine zweite Gruppe, über die oft viel zu wenig gesprochen wird: Die Menschen, die überlebt haben.
Die Menschen, die aus den Türmen entkommen konnten, die Menschen, die in der Umgebung lebten oder arbeiteten. Die Einsatzkräfte, Helferinnen und Helfer. Die Menschen, die monatelang am Ground Zero gearbeitet haben und auch Kinder und Jugendliche, die damals in der Umgebung lebten oder zur Schule gingen.
Für viele von ihnen war der 11. September nicht einfach ein schrecklicher Tag. Er wurde zu einem Teil ihrer Biografie. Zu einer Lebensnarbe.
Wenn die große Geschichte plötzlich eine ganz persönliche wird
Lange Zeit war der 11. September für mich, als jemand der weit entfern lebt, vor allem ein weltgeschichtliches Ereignis. Ein Tag eben, bei dem auch ich mich genau erinnern kann, wo ich war.
Später bekam dieses Datum für mich noch eine andere Bedeutung, denn da habe ich erfahren, dass der Sohn meiner ehemaligen amerikanischen Gastfamilie zu den Menschen gehörte, die bei den Anschlägen ums Leben gekommen sind.
Plötzlich war 9/11 nicht mehr nur etwas, das „in Amerika“ passiert war. Es bekam ein Gesicht von Menschen, die ich kannte. Und damit wurde für mich noch einmal greifbar, was wir bei solchen Katastrophen oft vergessen: Hinter jeder Zahl stehen Leben, Beziehungen, Geschichten, Zukunftspläne und Menschen, die geliebt wurden und die fehlen.
Bis heute denke ich an diesem Tag deshalb nicht nur an die Bilder der einstürzenden Türme, sondern auch an die Familien, deren Leben sich von einem Moment auf den anderen für immer verändert hat.
Was wir an diesem Tag außerdem verloren haben
Wenn ich heute auf den 11. September zurückblicke, dann denke ich darüber hinaus nicht nur an die Menschen, die an diesem Tag ihr Leben verloren haben, sondern ich denke an etwas, das wir alle damals ein Stück weit verloren haben.
Ein Stück Sicherheit, ein Stück Selbstverständlichkeit und auch ein Stück Vertrauen in die Welt.
Und genau das ist es, was diesen Tag für mich zu einem so eindrücklichen Sinnbild für Trauer macht. Denn neben dem eigentichen Verlust geht es immer auch um die Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass etwas, das wir für sicher gehalten haben, plötzlich nicht mehr da ist.
Von einem Moment auf den anderen war die Welt nicht mehr dieselbe, was vorher selbstverständlich erschien, war es plötzlich nicht mehr. Menschen gingen morgens zur Arbeit und kamen nie wieder nach Hause. Familien haben sich wie an jedem anderen Tag voneinander verabschiedet – ohne zu ahnen, dass es das letzte Mal sein würde. Und Millionen Menschen saßen vor ihren Fernsehern und mussten erkennen, dass selbst das, was unerschütterlich wirkte, im wahrsten Sinne des Wortes, einstürzen kann.
Wenn etwas oder jemand in unserem Leben stirbt, verlieren wir nicht nur das, sondern wir verlieren gemeinsame Rituale, Gewohnheiten, Pläne, Zukunftsbilder.
Wir verlieren das Gefühl, dass morgen so sein wird wie gestern, wir verlieren die Sicherheit, auf die wir uns verlassen haben und manchmal verlieren wir sogar ein Stück von uns selbst.
Deshalb geht es in Trauer oft um weit mehr als um den eigentlichen Verlust. Es geht um die erschütternde Erkenntnis, dass nichts selbstverständlich ist. Dass sich ein Leben innerhalb eines einzigen Augenblicks vollständig verändern kann.
Vielleicht berührt uns der 11. September deshalb bis heute so sehr, weil er uns daran erinnert, wie verletzlich wir sind und weil er bis heute sichtbar macht, was Trauer im Kern oft bedeutet: Nicht nur den Verlust eines Menschen oder eines Ereignisses zu betrauern, sondern den Verlust der Gewissheit, dass alles so bleiben wird, wie es ist.
Manche Spätfolgen zeigen sich erst Jahrzehnte später
Eine Lebensnarbe muss aber nicht nur seelisch sein. Auch die gesundheitlichen Folgen von 9/11 sind bis heute enorm.
Das World Trade Center Health Program betreut nahezu 150.000 Betroffene und bietet medizinische Überwachung und Behandlung für Erkrankungen, die mit den Anschlägen und den toxischen Belastungen in Verbindung stehen. Dazu gehören unter anderem Atemwegserkrankungen, Krebs und psychische Erkrankungen.
Das bedeutet: Für manche Menschen ist der 11. September keine Vergangenheit, sondern er begleitet sie bis heute – in Arztpraxien, in Therapien, in Medikamenten, in Erinnerungen und manchmal in der eigenen körperlichen Verfassung. Und auch Angehörige erleben weiterhin die Folgen, denn wenn ein Mensch Jahre später an einer 9/11-bedingten Erkrankung stirbt, entsteht erneut Trauer.
Die Gemeinschaft der Betroffenen hat sich deshalb über die Jahre verändert und erweitert, so dass sie heute nicht nur die Angehörigen der Menschen, die am 11. September starben umfasst, sondern auch Überlebende, Einsatzkräfte und Familien von Menschen, die später an den Folgen erkrankten.
Trauer braucht manchmal sehr lange einen Ort – und das muss kein Friedhof sein
Das ist einer der Gründe, warum die Gedenkstätte am Ground Zero mich so berührt. Dort, wo die beiden Türme standen, befinden sich heute zwei große Wasserbecken, genau in den Grundrissen der ehemaligen Türme.
Das Wasser fließt in die Tiefe und in der Mitte verschwindet es in einem dunklen, scheinbar bodenlosen Quadrat.
Der Architekt Michael Arad beschrieb diese Gestaltung als „absence made visible“ – sichtbar gemachte Abwesenheit.
Was für ein starkes Bild. Denn genau darum geht es bei Trauer: Etwas fehlt und diese Abwesenheit darf sichtbar sein. Sie muss nicht zugedeckt werden, sie muss nicht so gestaltet werden, als wäre dort nie etwas gewesen.
Verluste bedeuten Lebensnarben
Meine Arbeit steht unter dem Begriff „Lebensnarben„ und ich verbinde und meine damit die Spuren, die alle einschneidenden Verluste in unserem Leben hinterlassen.
Auch wenn manche davon manchmal für andere gar nicht so wirklich sichtbar sind .
Eine Trennung, ein Kontaktabbruch, eine nicht erfüllte Kinderwunschreise, eine schwere Diagnose, der Verlust eines Arbeitsplatzes oder eine langjährige Freundschaft, die zerbrochen ist. Eben ein Ereignis, das unsere persönliche oder gesellschaftliche Vorstellung von Sicherheit für immer verändert hat.
Mit diesen Lebensnarben zurecht kommen zu müssen, bedeutet aber eben auch nicht einfach nur „hier ist etwas kaputt gegangen,“ sondern es bedeutet immer, „ab jetzt fehlt hier etwas, das mir wichtig war.“
Trauer hat kein Ablaufdatum
Das 9/11 Memorial & Museum erinnert 2026 mit einer besonderen 25-Jahr-Feier an die Opfer. Angehörige werden die Namen der Menschen vorlesen, die bei den Anschlägen starben. In diesem Jahr ist außerdem ein Moment der Stille für Menschen vorgesehen, die in den Jahren danach an 9/11-bedingten Erkrankungen oder Verletzungen gestorben sind.
Auch Organisationen wie das Voices Center for Resilience arbeiten bis heute mit den Betroffenen.
Sie bieten Peer-Support-Gruppen für Angehörige, Überlebende und Einsatzkräfte an. Es gibt außerdem spezielle Gruppen für Menschen, die am 11. September noch Kinder oder junge Erwachsene waren und einen Elternteil oder ein Geschwister verloren haben.
Das finde ich so wichtig, denn es macht deutlich: Trauer hat kein Ablaufdatum. Es braucht auch nach 25 Jahren noch Menschen, die sagen: „Ich weiß, was Du meinst.“ „Ich erinnere mich mit Dir zusammen,“ „ich habe es auch nicht vergessen,“„Du bist damit nicht allein.“
Das, was bleibt
Vielleicht ist das die schwierigste Frage. Was bleibt nach 25 Jahren? Sehr viel, wie ich finde.
Die Namen, die Bilder, die Geschichten, die Menschen, die fehlen, die Menschen, die überlebt haben, die Menschen, die krank wurden, die Kinder, die inzwischen erwachsen sind, die Familien, die ihr Leben weiterleben mussten und unsere eigenen Erinnerungen.
Vielleicht auch dieser eine Satz: „Ich weiß noch genau, wo ich war.“
Wir sollten solchen Erinnerungen Raum geben – und das nicht nur in solchen großen Dimensionen. Und auch nicht aus dem Grund um alte Wunden immer wieder aufzureißen, sondern um anzuerkennen, dass manche Ereignisse einfach ein Leben lang Spuren hinterlassen. Bei einzelnen Menschen, bei Familien, bei Städten, bei einer ganzen Gesellschaft.
Und auch für uns selbst auch außerhalb von Friedhöfen, persönlich Gedenkorte zu schaffen und zuzulassen, denn genau das die Aufgabe von Gedenkorten: Die Wunde nicht zu verstecken, sondern ihr einen würdevollen Ort zu geben.
So wie eine Lebensnarbe. Man sieht sie, man erinnert sich und trotzdem wächst drumherum wieder Leben. So wie im Ground Zero. Das Wasser dort fließt immer weiter, die Bäume wachsen, Menschen gehen vorbei, Kinder spielen dort, es wird gelacht, es wird gelebt.
Und das alles darf gleichzeitig wahr sein.
Und das ist für mich die wichtigste Botschaft nach 25 Jahren 9/11:
Wir müssen nicht vergessen, um weiterzuleben und wir müssen nicht aufhören zu leben, um uns zu erinnern.
„Never forget.“
P.S. Wenn Dich das gerade berührt und Du vielleicht genau an diesem Punkt stehst: Du musst das alles nicht alleine für Dich lösen. Mit Lebensnarben kann ich Dich unterstützen – schreib mir gerne.
P.P.S. Wenn Du mehr solchen Input zu Themen wie Verlust, Trauer und Abschied möchtest, dann ist mein Newsletter „Pflasterpost“ genau das Richtige für Dich. Dort schreibe ich regelmäßig immer montags, alle zwei Wochen über Krisen, Verletzlichkeit, Trauer, über leise Verluste, seelische Narben, innere Prozesse und alles Dazwischen. Eben über all das, was tiefer geht und unter der Oberfläche liegt.
Nicht regelmäßig perfekt, aber regelmäßig ehrlich. Es geht um Gedanken, die nicht an der Oberfläche bleiben, Perspektiven, die man nicht überall liest und Worte für das, was sonst keinen Namen hat.
Kein Spam. Kein Druck. Nur Dinge, die Dich in Deiner Situation ein bisschen begleiten können.
Trag Dich hier ein und lies gerne mit





