Stille Trauer

Wenn wir an Trauer denken, denken die meisten Menschen an einen Todesfall. An Beerdigungen, schwarze Kleidung und Kondolenzkarten – eben vor allem an den Verlust eines geliebten Menschen.

Doch was ist mit all den anderen Verlusten?

Den Verlusten, für die es keine Trauerfeier gibt. Keinen offiziellen Abschied, kein Ritual und keine gesellschaftliche Anerkennung. Verluste, die zwar für einen Menschen zutiefst bedeutsam sind, die für die Gesellschaft aber nicht als „richtiger“ Verlust gilt.

Dann kann etwas entstehen, das in der Trauerforschung als Disenfranchised Grief bezeichnet wird – auf Deutsch etwa: sozial nicht oder nur unzureichend anerkannte Trauer. Diese Form der Trauer ist weit verbreitet, denn diese Verluste, passieren mitten im Leben.

Genau diese Verluste sind auch der Grund, warum ich heute Verlust- und Trauermentoring anbiete, denn in den Zeiten, als ich selbst für mich tiefgreifende Verluste erlebt habe, die nichts mit einem Todesfall zu tun hatten, habe ich mich auf die Suche nach Unterstützung gemacht und fand: Nichts.

Keine Begleitung.
Keine Angebote.
Keine Sprache für das, was ich empfand.

Dabei war der Schmerz da, die Ohnmacht, die Wut, die Orientierungslosigkeit und die große Traurigkeit sowieso. Alles war da und trotzdem hat es niemand als Trauer verstanden.

 

Die Inhalte von diesem Blog

  1. Die Verluste, über die kaum gesprochen wird
  2. Das Gehirn macht oft keinen großen Unterschied
  3. Warum diese Verluste oft so schwer sind
  4. Wohin mit all dieser Trauer?
  5. Wenn die Beziehung nicht anerkannt wird
  6. Wenn die Umstände des Verlusts zum Schweigen führen
  7. Wenn andere einem das Trauern absprechen
  8. Und manchmal ist nicht der Verlust das Problem – sondern die Art zu trauern
  9. Die Besonders schwierige Situtation: Wenn wir selbst uns selbst die Trauer nicht erlauben
  10. Ambivalenz und Trauer schließen sich nicht aus
  11. Wir vergleichen sogar unsere Trauer
  12. Anerkennung bedeutet nicht, jeden Verlust gleich zu behandeln
  13. Trauer braucht Resonanz
  14. Trauer braucht keinen Totenschein
  15. Was mir deshalb so wichtig ist.

 

Die Verluste, über die kaum gesprochen wird

Wir verlieren nicht nur Menschen durch den Tod.

Wir verlieren Partnerinnen und Partner durch Trennungen. Wir verlieren Freundschaften, die uns einmal wichtig waren. Wir verlieren unsere Gesundheit durch Diagnosen, die unser Leben verändern. Wir verlieren Zukunftspläne, Kinderwünsche, berufliche Träume und Heimat. Vertrauen und Sicherheit.

Manchmal verlieren wir sogar eine Vorstellung davon, wer wir einmal sein wollten.

Und trotzdem hören Betroffene oft Sätze wie:

„Sei doch froh, dass niemand gestorben ist.“

„Andere haben es viel schlimmer.“

„Das wird schon wieder.“

„Jetzt schau doch nach vorne.“

Doch das Nervensystem kennt keine gesellschaftliche Verlust-Hitliste. Es bewertet nicht, ob ein Verlust offiziell anerkannt ist oder nicht. Es reagiert vor allem auf Bindung und auf Bedeutung. Eben auf die Tatsache, dass etwas für uns wichtig war.

 

Das Gehirn macht oft keinen großen Unterschied

Besonders spannend finde ich in diesem Zusammenhang die Forschung der amerikanischen Psychologieprofessorin Mary-Frances O’Connor.

Sie konnte mit Hilfe von Hirnscans zeigen, dass bei Verlusten ähnliche Bereiche im Gehirn aktiviert werden wie nach einem Todesfall. Und auch der restliche Körper reagiert oft vergleichbar:

  • Schlafstörungen
  • Konzentrationsprobleme
  • Erschöpfung
  • Sehnsucht
  • Grübeln
  • emotionale Überforderung
  • körperlicher Stress

Natürlich ist jeder Verlust einzigartig und deshalb können wir natürlich nicht objektiv vergleichen, welcher Verlust „schlimmer“ ist. Aber wir können anerkennen, dass Trauer nicht nur durch Tod entsteht. Sie entsteht einfach überall dort, wo etwas Wichtiges verloren geht.

 

Warum diese Verluste oft besonders schwer sind

In der Fachliteratur werden solche Erfahrungen häufig als „nicht anerkannte“ oder „entrechtete Trauer“ beschrieben.

Im Englischen spricht man von „Disenfranchised Grief“.

Gemeint sind damit Verluste, die gesellschaftlich wenig Anerkennung bekommen und die sie genau deshalb das oft zusätzlich belastend macht, denn wer um einen Todesfall trauert, bekommt häufig Mitgefühl. Wer aber beispielsweise um eine Trennung trauert, hört oft: „Sei doch froh, dass du ihn los bist.“

Wer um einen unerfüllten Kinderwunsch trauert, hört: „Dann genießt doch eure Freiheit, wer weiß wozu es gut ist“.

Wer um ein Haustier trauert, hört: „Es war doch nur ein Tier.“

Wer um eine Trennung trauert, hört: „Ihr wart doch sowieso nicht mehr glücklich.“

Wer um seine Gesundheit trauert, hört: „Hauptsache, Du lebst.“

Wer um eine Freundschaft trauert, hört: „Sie war es eh nicht wert, Du findest neue Freunde.“

Wer um eine Fehlgeburt trauert, hört: „Ihr könnt doch noch einmal versuchen, schwanger zu werden.“

Wer um einen Schwangerschaftsabbruch trauert, hört: „Du hast Dich doch selbst dafür entschieden.“

Wer um einen Arbeitsplatz trauert, hört: „Du findest bestimmt etwas Neues.“

Der Verlust wird kleingeredet. Die Trauer unsichtbar gemacht und dadurch bleiben Betroffene oft allein mit ihren Gefühlen, denn ein Verlust wird nicht dadurch weniger bedeutsam, dass andere ihn nicht verstehen.

 

Wohin mit all dieser Trauer?

Vielleicht kennst du das ja auch. Man möchte niemanden belasten und auch kein „Weichei sein“, sich selber nicht in der „Opferrolle“ sehen. Deshalb funktionierst Du, gehst arbeiten, erledigst Deinen Alltag – und trotzdem geht diese Schwere und diese destruktiven Gedanken in Dir nicht weg.

Etwas, das Du nicht richtig benennen kannst – weil es niemand sonst Trauer nennt. Und deshalb glaubst Du selbst, kein Recht darauf zu haben.

Doch dieser Verlust darf weh tun und Du darfst darüber traurig sein. Du darfst wütend sein, Du darfst Zeit brauchen und ja, Du darfst Unterstützung zur Verarbeitung annehmen.

Und nein: Du musst Dich dafür nicht erst rechtfertigen.

 

Wenn die Beziehung nicht anerkannt wird

Besonders deutlich wird Disenfranchised Grief, wenn eine Beziehung gesellschaftlich nicht oder nicht vollständig anerkannt wurde.

Vielleicht war es eine heimliche Beziehung, eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft in einem Umfeld, das sie nicht akzeptiert hat oder eine außereheliche Beziehung. Eine Freundschaft, die für einen Menschen wichtiger war als für das Umfeld nachvollziehbar. Oder eine andere sehr enge Bindung zwischen zwei Menschen, deren Bedeutung Außenstehende nie verstanden haben. Wenn die Beziehung darüber hinaus vielleicht nicht sichtbar sein durfte, muss natürlich auch die Trauer darüber unsichtbar bleiben.

Der Mensch fehlt.

Aber niemand fragt: „Wie geht es Dir damit?“

 

Wenn die Umstände des Verlustes zum Schweigen führen

Auch die Umstände eines Todes können dazu führen, dass Trauer weniger Anerkennung erfährt. Wenn jemand beispielsweise durch Suizid stirbt oder wenn eine Suchterkrankung eine Rolle gespielt hat. Wenn der Tod mit gesellschaftlicher Stigmatisierung verbunden ist oder wenn Menschen das Gefühl haben, sie müssten erst erklären, warum dieser Mensch ihnen etwas bedeutet hat, bevor sie überhaupt trauern dürfen.

Genau dann kommt zum eigentlichen Verlust noch etwas hinzu:

Scham.

Und Scham macht Trauer noch einsamer.

 

Wenn andere einem das Trauern absprechen

Auch das Alter oder die vermeintliche Fähigkeit eines Menschen kann beeinflussen, ob seine Trauer ernst genommen wird. Kinder bekommen manchmal zu hören:„Du verstehst das doch noch gar nicht.“ Menschen mit Behinderungen wird unter Umständen abgesprochen, einen Verlust wirklich zu begreifen.

Bei sehr alten Menschen wird Trauer manchmal fast als selbstverständlich betrachtet: „In dem Alter ist das doch normal.“

Aber: Normal bedeutet nicht schmerzlos und auch ein erwartbarer Verlust bleibt ein Verlust.

 

Und manchmal ist nicht der Verlust das Problem – sondern die Art zu trauern

Das vielleicht schwierigste an Disenfranchised Grief: Man muss nicht einmal einen gesellschaftlich „unklaren“ Verlust erlebt haben. Man kann auch wegen der eigenen Art zu trauern sozial weniger Anerkennung erfahren.

Zu intensiv, zu lange oder zu früh wieder fröhlich. Zu wenig emotional, zu still, zu viel oder eben zu wenig.

Was passiert dann?

Der trauernde Mensch beginnt möglicherweise, sich selbst zu beobachten:

Trauere ich richtig?

Darf ich mich schon wieder freuen?

Warum bin ich immer noch traurig?

Warum bin ich eigentlich gar nicht so traurig, wie alle erwarten?

Und aus dem ursprünglichen Verlust entsteht eine zweite Belastung: Das Gefühl, mit der eigenen Trauer nicht richtig zu sein.

 

Die besonders schwierige Form: Wenn wir uns selbst die Trauer nicht erlauben

Disenfranchised Grief muss übrigens nicht nur von außen kommen. Manchmal sprechen wir selbst unserer Trauer die Berechtigung ab.

„Ich habe mich doch dafür entschieden.“„Andere haben es viel schlimmer.“ „Eigentlich dürfte ich darüber gar nicht traurig sein.“ „Es war doch noch gar nicht so lange.“ „Wir waren doch schon getrennt.“ „Ich sollte dankbar sein.“ oder „Es gibt doch Schlimmeres.“

Gerade bei Schwangerschaftsabbrüchen, Fehlgeburten, unerfülltem Kinderwunsch, Trennungen oder verlorenen Zukunftsbildern kann diese innere Entwertung besonders stark sein.

 

Ambivalenz und Trauer schließen sich nicht aus.

Man kann wissen, dass eine Entscheidung richtig war – und trotzdem um das trauern, was dadurch verloren gegangen ist.

Man kann eine Trennung selbst gewollt haben – und trotzdem traurig sein.

Man kann erleichtert sein, dass eine Krankheit beendet wurde – und gleichzeitig um den Menschen trauern, der dadurch nicht mehr derselbe ist.

Gefühle müssen sich nicht gegenseitig logisch auflösen.

 

Wir vergleichen sogar unsere Trauer

Ein weiterer interessanter Aspekt ist die sogenannte Verlusthierarchie. Menschen vergleichen die vermeintliche Schwere ihrer Trauer und plötzlich entsteht ein Wettbewerb, den niemand gewinnen kann.

„Ich kann doch nicht so traurig sein wie ihre Familie.“

„Andere haben schließlich jemanden verloren, ich nur einen Job“ usw.

Aber Trauer lässt sich nicht sinnvoll in objektiven Verlustgrößen messen. Was ein Verlust für einen Menschen bedeutet, lässt sich nicht von außen bestimmen.

 

Anerkennung bedeutet nicht, jeden Verlust gleich zu behandeln

Das bedeutet übrigens nicht, dass gesellschaftliche Regeln grundsätzlich falsch sind. Gesellschaften brauchen gewisse Strukturen.

Eine Trauerfeier kann nicht gleichzeitig allen Menschen denselben sozialen Raum geben. Familienbeziehungen, rechtliche Beziehungen und soziale Rollen spielen eine Rolle. Doch darum geht es auch gar nicht. Die Frage ist vielmehr:

Was passiert mit den Menschen, deren Trauer außerhalb dieser anerkannten Strukturen liegt?

Wo finden sie einen Raum um trauern zu dürfen? An wen können sie sich wenden, wo finden sie Verständnis und Unterstützung? Wer weiß überhaupt, dass sie etwas verloren haben?

 

Trauer braucht Resonanz

Gerade weil Trauer so sozial ist, ist Anerkennung eine wichtige Form von Unterstützung. Dabei braucht es keine großen Worte.

„Ich weiß, dass diese Beziehung für Dich wichtig war.“

„Ich kann mir vorstellen, dass das weh tut.“

„Du darfst traurig sein.“

„Ich weiß nicht genau, wie es für Dich ist – aber ich bin da.“

sind Aussagen, die für die Betroffenen einen riesigen Unterschied machen können.

Das Entscheidende dabei ist nicht, den Verlust von außen zu bewerten, sondern die Bedeutung anzuerkennen, die er für diesen Menschen hat. Denn wir müssen nicht jeden Verlust selbst nachvollziehen können, um ihn ernst zu nehmen.

Die Frage „Was bedeutet dieser Verlust für Dich?“ verändert die Perspektive, denn persönliche Trauer braucht keine gesellschaftliche Genehmigung, aber Menschen brauchen manchmal die Erfahrung, dass ihr Schmerz gesehen werden darf.

Und genau hier beginnt für mich Trauerkompetenz: Eben nicht ein Urteil darüber zu fällen, welche Verluste groß genug sind, um Trauer zu rechtfertigen, sondern neugierig genug zu bleiben, um verstehen zu wollen, was für den anderen verloren gegangen ist.

Denn manchmal ist der schmerzhafteste Teil eines Verlustes nicht nur, dass etwas oder jemand fehlt, sondern dass niemand versteht, wie sehr.

 

Trauer braucht keinen Totenschein

Die Grundlage meiner Arbeit ist deshalb genau diese Überzeugung: Trauer entsteht überall dort, wo etwas verloren geht, das einmal wichtig war. Eben nicht nur bei Todesfällen, sondern auch bei all den stillen Verlusten, die kaum jemand sieht.

Deshalb begleite ich Menschen nicht nur nach einem Todesfall, sondern auch nach Trennungen, Fehlgeburten, Schwangerschaftsabbrüchen, Diagnosen, Kontaktabbrüchen, beruflichen Umbrüchen oder anderen Lebensereignissen, die eine tiefe Erschütterung hinterlassen haben. Denn jede bedeutsame Veränderung fordert Abschied und jeder Abschied verdient Aufmerksamkeit.

Nicht erst dann, wenn jemand gestorben ist, sondern immer dann, wenn etwas Wichtiges verloren gegangen ist.

 

Was mir deshalb so wichtig ist

Falls Du gerade um etwas trauerst, das andere vielleicht nicht verstehen:

Dein Schmerz braucht keinen Vergleich, keine Rechtfertigung und keine gesellschaftliche Erlaubnis.

Er braucht nur eines: Zeit, Wertschätzung und Raum.

Denn auch die stillen Verluste prägen unser Leben und sie verdienen genauso Mitgefühl wie jeder andere Verlust.

 

 

P.S. Wenn Dich das gerade berührt und Du vielleicht genau an diesem Punkt stehst: Du musst das alles nicht alleine für Dich lösen.
Mit Lebensnarben kann ich Dich unterstützen – schreib mir gerne.

P.P.S. Wenn Du mehr solchen Input zu Themen wie Verlust, Trauer und Abschied möchtest, dann ist mein Newsletter Pflasterpost“ genau  das Richtige für Dich. Dort schreibe ich regelmäßig immer montags, alle zwei Wochen über Krisen, Verletzlichkeit, Trauer, über leise Verluste, seelische Narben, innere Prozesse und alles Dazwischen. Eben über all das, was tiefer geht und unter der Oberfläche liegt.

Nicht regelmäßig perfekt, aber regelmäßig ehrlich Es geht um Gedanken, die nicht an der Oberfläche bleiben, Perspektiven, die man nicht überall liest und Worte für das, was sonst keinen Namen hat.

Kein Spam. Kein Druck. Nur Dinge, die Dich in Deiner Situation ein bisschen begleiten können.
Trag Dich hier ein und lies gerne mit

 

 

Hallo, ich bin Astrid.

Ich bin die, die zuhört. Die fragt. Die mit Dir aushält, was gerade schwer ist, ohne Ratschläge und ohne Urteile.

Trauer und Verluste gehören zum Leben dazu, auch abseits von Tod und Sterben. Ich weiß, wie sehr sie belasten können und wie wichtig es ist, dass jemand da ist, der Dich ernst nimmt, Deine Gefühle mitträgt und mit Dir gemeinsam neue Perspektiven entwickeln kann.

Ich kann Dir Deine Trauer nicht abnehmen. Aber ich kann Dir helfen, sie ein kleines Stück leichter tragen zu können. Mit Worten, mit Bildern, mit Impulsen. Damit wieder Raum entsteht in Deinem Leben: Für mehr Lebendigkeit, Leichtigkeit, Freude und neues Vertrauen. 💜

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Astrid von Prondzinski

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