
Kennst Du den französischen Kurzfilm „Je suis donc tu es“?
Falls nicht, schau ihn Dir unbedingt einmal an.
In dem Film hinterlässt jede egoistische, respektlose oder verletzende Handlung eine kleine schwarze Kugel. Diese Kugeln werden von Mensch zu Mensch weitergegeben. Jemand wird schlecht behandelt, trägt den Frust weiter und gibt ihn an die nächste Person ab. Aus einer einzigen kleinen Handlung entsteht nach und nach eine ganze Kette aus Ärger, Stress und Verletzungen.
Als ich den Film das erste Mal gesehen habe, musste ich sofort an meine Arbeit denken.
An die Menschen, die zu mir ins Trauercoaching kommen und an die Geschichten, die sie erzählen. Von vermeintlich kleinen Momente, die oft erstaunlich lange nachwirken.
Ein: „Jetzt musst Du aber nach vorne schauen.“ „Sei doch froh, dass … “ „Das Leben geht weiter.“
Oder: „So schlimm war es doch nicht.“
Ein einziger Satz.
Für die Person, die ihn ausspricht, vielleicht längst vergessen, aber für die andere Person manchmal eine Erinnerung, die noch Jahre später schmerzt.
Die Inhalte von diesem Blog
- Emotionen sind ansteckend
- Was wir hinterlassen
- Wir brauchen mehr Gelbanstreicher
- Emotionale Verantwortung übernehmen
- Veränderung beginnt genau dort
Emotionen sind ansteckend
Wir unterschätzen häufig, wie sehr wir uns gegenseitig beeinflussen. Dabei ist die sogenannte emotionale Ansteckung längst wissenschaftlich beschrieben. Menschen übernehmen unbewusst Stimmungen, Körpersprache und emotionale Zustände anderer Menschen. Deshalb kann sich die schlechte Laune eines Einzelnen durch ein ganzes Team ziehen. Deshalb fühlen sich manche Räume leicht an und andere schwer und deshalb verlassen wir manche Gespräche mit mehr Energie als vorher – und andere völlig erschöpft.
Emotionen bewegen sich durch Beziehungen und das gilt nicht nur für Ärger, Frust und Stress. Es gilt genauso für Mitgefühl, Freundlichkeit, Wärme und echtes Interesse.
Was wir hinterlassen
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie groß die Wirkung eines einzigen Moments sein kann. Menschen erzählen von einem einzigen Satz, der sie tief verletzt hat – aber auch von einem Menschen, der genau dann einfach für sie da war. Der vielleicht gar nichts besonderes getan hat und der auch keine wirkliche Lösung für die Situation hatte. Aber zugehört hat, der da geblieben ist, der mitausgehalten hat. Und erstaunlicherweise erinnern sich viele Menschen Jahre später noch genau daran.
Die Frage ist also nicht, ob wir Einfluss auf andere Menschen haben. Die Frage ist nur: Welchen?
Wir brauchen mehr Gelbanstreicher
Der Film endet nicht bei den schwarzen Kugeln. Er zeigt auch etwas anderes, nämlich dass Freundlichkeit ebenfalls Kreise zieht, dass Mitgefühl ansteckend sein kann und dass ein einziger Mensch den Anfang machen kann.
Der Autor des Beitrags, der mich zu diesem Gedanken inspiriert hat, nennt solche Menschen „Gelbanstreicher“.
Menschen, die Farbe in die Welt bringen, Menschen, die ihren Frust nicht ungefiltert weiterreichen, sondern bewusst etwas anderes in Bewegung setzen.
Diesen Gedanken mag ich sehr.
Allerdings nicht im Sinne von Daueroptimismus oder Aufforderung, immer gut gelaunt sein zu müssen, denn toxische Positivität ist nicht hilfreich.
Emotionale Verantwortung übernehmen
Denn wir sind einfach auch mal traurig in unserem Leben, wütend, überfordert und verletzt.
Das gehört einfach zum Menschsein dazu. Deshalb ist die Frage nicht, ob wir schwierige Gefühle haben dürfen. Natürlich dürfen wir das.
Die Frage ist: Was machen wir damit?
Geben wir sie ungefiltert weiter? Oder nehmen wir sie zunächst nur wahr? Übernehmen wir Verantwortung für sie?
Zu bemerken, was gerade in mir ist, ist emotionale Verantwortung. Und dann bewusst zu entscheiden, was ich davon in die Welt tragen möchte. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen, politischer Unsicherheit und persönlicher Belastungen halte ich das für eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt.
Nicht alles weiterzugeben, was uns trifft, sondern bewusst zu wählen, welche Spur wir bei anderen Menschen hinterlassen möchten, darum geht es.
Veränderung beginnt genau dort
Es braucht gar nicht die großen Reden und perfekten Lösungen. Was es braucht, ist Selbstreflektion und Bewusstsein: Was hinterlasse ich bei den Menschen, denen ich begegne?
Und definitiv braucht diese Welt gerade tatsächlich mehr Gelbanstreicher.
Menschen, die nicht alles ungefiltert weiterreichen. Menschen, die Mitgefühl, Menschlichkeit und Verbundenheit in Umlauf bringen. Menschen, die verstehen, dass…
… meine Gefühle bei anderen Spuren hinterlassen.
P.S. Wenn Dich das gerade berührt und Du vielleicht genau an diesem Punkt stehst: Du musst das alles nicht alleine für Dich lösen. Mit Lebensnarben kann ich Dich unterstützen – schreib mir gerne.
P.P.S. Wenn Du mehr solchen Input zu Themen wie Verlust, Trauer und Abschied möchtest, dann ist mein Newsletter „Pflasterpost“ genau das Richtige für Dich. Dort schreibe ich regelmäßig immer montags, alle zwei Wochen über Krisen, Verletzlichkeit, Trauer, über leise Verluste, seelische Narben, innere Prozesse und alles Dazwischen. Eben über all das, was tiefer geht und unter der Oberfläche liegt.
Regelmäßig unperfekt, aber regelmäßig ehrlich Es geht um Gedanken, die tiefer gehen, Perspektiven, die man nicht überall liest und Worte für das, was sonst keinen Namen hat. Dinge, die Dich in Deiner Situation ein bisschen begleiten können. Trag Dich hier ein und lies gerne mit.





