
Wenn wir über psychische Gesundheit sprechen, denken viele Menschen sofort an psychische Erkrankungen.
An Depressionen.
An Angststörungen.
An Burnout.
Doch zwischen „mir geht es gut“ und „ich bin psychisch krank“ liegt ein riesiger Bereich, über den wir erstaunlich wenig sprechen. Ein Bereich voller Belastungen, Verluste, Unsicherheiten und Veränderungen – und genau dort begegnen mir die meisten Menschen in meiner Arbeit.
Die Inhalte von diesem Blog
- Die psychische Belastung in Deutschland nimmt zu
- Nicht jede Belastung ist eine Krankheit
- Wir haben nie gelernt, mit Verlusten umzugehen
- Die Arbeit bei LEBENSNARBEN
- Einen Raum für das, was sonst keinen Platz hat
- Trauerkompetenz als gesellschaftliche Aufgabe
Die psychische Belastung in Deutschland nimmt zu
Aktuelle Erhebungen des Robert Koch-Instituts zeigen, dass sich das psychische Wohlbefinden vieler Menschen seit den Pandemiejahren verschlechtert hat.
Depressive Symptome und Ängste haben zugenommen. 2024 bewerteten 28 Prozent der befragten Erwachsenen ihr psychisches Wohlbefinden als eher schlecht. Besonders betroffen sind derzeit junge Frauen. Gleichzeitig sind psychische Erkrankungen inzwischen eine der häufigsten Ursachen für längere Krankschreibungen und Frühberentungen.
Das sind Zahlen, die nachdenklich machen.
Aber sie werfen auch eine wichtige Frage auf: Wohin wenden sich eigentlich all die Menschen, die noch keine psychische Erkrankung haben, sich aber trotzdem belastet fühlen?
Nicht jede Belastung ist eine Krankheit
Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir heute oft nur noch zwei Kategorien kennen:
Entweder es geht uns gut – oder wir brauchen Therapie. Dazwischen scheint wenig Platz zu sein.
Doch das Leben ist komplizierter.
Eine Trennung.
Eine Krebsdiagnose.
Der Verlust eines Arbeitsplatzes.
Die Pflege der Eltern.
Politische Entwicklungen, die Angst machen.
Die Sorge um die Zukunft der eigenen Kinder.
All diese Erfahrungen können Menschen tief erschüttern und dennoch sind sie deshalb ja nicht automatisch krank. Oft reagieren sie auf schwierige Lebensumstände mit genau den Gefühlen, die in solchen Situationen nachvollziehbar sind: Traurigkeit, Angst, Verunsicherung, Wut und Hilflosigkeit.
Das sind ja zunächst keine Störungen, sondern menschliche Reaktionen auf menschliche Erfahrungen.
Wir haben nie gerlernt, mit Verlusten umzugehen
Einer der interessantesten Aspekte der aktuellen Forschung ist für mich deshalb ein anderer.
Der Psychiater Andreas Meyer-Lindenberg betont, dass wir in Deutschland insgesamt zu wenig über psychische Gesundheit wissen. Besonders wenig darüber, wie wir mit belastenden Gefühlen umgehen können und wie Prävention aussehen könnte.
Mit anderen Worten: Wir haben kaum gelernt, was wir tun können, wenn das Leben schwierig wird. Wir lernen in der Schule Mathematik, Grammatik und Verkehrserziehung.
Aber kaum jemand zeigt uns,
- wie Trauer funktioniert,
- wie wir Abschiede bewältigen,
- wie wir mit Unsicherheit leben können,
- wie wir Gefühle regulieren,
- oder wie wir Verluste gesund integrieren.
Dabei wird jeder Mensch früher oder später mit genau diesen Themen konfrontiert.
Die Arbeit bei LEBENSNARBEN
Ich bin keine Therapeutin und meine Arbeit ersetzt keine Psychotherapie.
Wenn Menschen an einer psychischen Erkrankung leiden oder therapeutische Unterstützung benötigen, gehören sie in die Hände entsprechend ausgebildeter Fachpersonen. Doch daneben gibt es viele Menschen, die etwas anderes brauchen. Menschen, die grundsätzlich gesund sind. Menschen, die „funktionieren“ und ihren Alltag bewältigen.
Und die trotzdem merken: „Dieses Ereignis beschäftigt mich stärker, als ich dachte.“
Genau dort entsteht oft eine Lücke, eine Lücke zwischen Alltag und Therapie. Zwischen „Reiß dich zusammen“ und „Du brauchst professionelle Behandlung“.
Ein Raum für das, was sonst keinen Platz hat
Viele Menschen kommen zu mir nicht, weil sie krank sind, sie kommen, weil sie einen Verlust erlebt haben. Weil eine Trennung nachwirkt, weil eine Diagnose ihr Leben verändert hat, weil sie einem alten Lebenstraum hinterhertrauern, einfach weil sie spüren, dass etwas in ihrem Leben mehr Raum braucht, als der Alltag gerade zulässt.
Manchmal reicht schon ein geschützter Ort, an dem diese Themen ausgesprochen werden dürfen. Ein Ort, an dem niemand bewertet, vergleicht oder beschleunigt.
Trauerkompetenz als gesellschaftliche Aufgabe
Ich bin überzeugt, dass wir als Gesellschaft mehr Trauerkompetenz brauchen. Nicht erst dann, wenn jemand stirbt, sondern viel früher.
Wir brauchen mehr Wissen darüber, wie Menschen auf Verluste reagieren, wie Abschiede wirken, wie Belastungen verarbeitet werden und wann Unterstützung sinnvoll ist. Wir werden dadurch manche Krisen nicht verhindern können, aber wir könnten Menschen früher auffangen, früher verstehen und früher begleiten.
Dann müssten vielleicht weniger Menschen erst dann Hilfe suchen, wenn längst nichts mehr geht, denn psychische Gesundheit entsteht ja nicht erst in Therapieräumen. Sie entsteht definitiv auch dort, wo Menschen lernen, mit den unvermeidbaren Verlusten des Lebens umzugehen. Und genau dafür braucht es Räume, Räume für Gespräche, Menschlichkeit und für das, was wir oft viel zu lange mit uns allein ausmachen.
P.S. Wenn Dich das gerade berührt und Du vielleicht genau an diesem Punkt stehst: Du musst das alles nicht alleine für Dich lösen. Mit Lebensnarben kann ich Dich unterstützen – schreib mir gerne.
P.P.S. Wenn Du mehr solchen Input zu Themen wie Verlust, Trauer und Abschied möchtest, dann ist mein Newsletter „Pflasterpost“ genau das Richtige für Dich. Dort schreibe ich regelmäßig immer montags, alle zwei Wochen über Krisen, Verletzlichkeit, Trauer, über leise Verluste, seelische Narben, innere Prozesse und alles Dazwischen. Eben über all das, was tiefer geht und unter der Oberfläche liegt.
Regelmäßig unperfekt, aber regelmäßig ehrlich Es geht um Gedanken, die tiefer gehen, Perspektiven, die man nicht überall liest und Worte für das, was sonst keinen Namen hat. Dinge, die Dich in Deiner Situation ein bisschen begleiten können. Trag Dich hier ein und lies gerne mit.
Foto by Caleidoskop





