Fuko

Der 11. März ist so ein Datum, das sicherlich immer noch für eine Vielzahl an Menschen mit einem kollektiven Schock verbunden ist. Am 11. März 2011 erschütterten ein schweres Erdbeben, ein Tsunami und die Reaktorkatastrophe von Fukushima die Welt. Die Bilder der Explosionen, die Angst vor radioaktiver Verseuchung, die hilflosen Kommentare von Experten hat sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt.

Für mich ist dieses Datum noch aus einem ganz anderen Grund unauslöschlich, denn am 11. März 2011 ist meine Tochter geboren worden. Sie wird heute 15 Jahre alt.

 

Die Inhalte von diesem Blog

  1. Ein Moment, zwei Wirklichkeiten
  2. Die Gleichzeitigkeit der Gefühle
  3. Trauer ist nicht eindimensional
  4. Warum diese Ambivalenz so schwer auszuhalten ist
  5. Was Trauer hier braucht
  6. Eine Einladung

Ein Moment, zwei Wirklichkeiten

Ich erinnere mich sehr genau an diesen Tag. An das Gefühl, aus dem Kreißsaal zu kommen – erschöpft, überwältigt und glücklich – und ein gesundes Neugeborenes im Arm zu halten. Und ich erinnere mich genauso genau daran, wie ich später auf die Station gebracht wurde und mitbekam, dass in fast jedem Zimmer der Fernseher lief, mit den immer gleichen Bildern und den gleichen Schlagzeilen. Denselben Stimmen, die von Explosionen, Kernschmelze und unkontrollierbaren Folgen sprachen. Und ich saß da mit meinem frischgeborenen Kind im Arm und hatte bei aller Dankbarkeit auch die Frage im Kopf „in was für eine Welt hatte ich dieses Kind da gerade hineingeboren?“

Dieses kollektive Entsetzen, was auch im ganzen Krankenhaus herrscht, diese Untergangsstimmung, diese massive Bedrohung, die sich über die Bildschirme in den Raum drängte, war extrem und für mich und mein Nervensystem zutiefst widersprüchlich.

 

Die Gleichzeitigkeit der Gefühle

Große Freude, tiefe Dankbarkeit, einfach nur das Bedürfnis nach Ruhe und Ankommen in der Situation und gleichzeitig ganz viel Angst, Entsetzen und Hilflosigkeit. Diese Gleichzeitigkeit hat mich damals heftig irritiert, es kam ein merkwürdiges Gefühl auf, als dürfe ich jetzt gar nicht glücklich sein, während an einem anderen Ort die Welt gerade aus den Fugen geriet und gefühlt teilweise unterging.

Heute weiß ich: Solche Gefühlsambivalenzen sind nicht ungewöhnlich. Sie tauchen vor allem bei extremen Lebensereignissen immer wieder auf, gerade in Situationen von Trauer, Verlust oder eben kollektiver Erschütterung.

 

Trauer ist nicht eindimensional

Oft haben wir ein sehr vereinfachtes Bild von Gefühlen, so als müssten sie immer vollkommen klar, eindeutig und irgendwie sortierbar sein. Freude hier, Trauer dort. Hoffnung oder Angst. Entweder – oder.
Doch das entspricht weder unserer inneren Realität noch dem, was Trauer tatsächlich ist. Trauer ist mehrschichtig und sie verträgt Widersprüche. Es ist möglich und in dieser Zeit auch nicht ungewöhnlich

• zu lieben und gleichzeitig wütend zu sein
• dankbar zu sein und trotzdem tief zu trauern
• Neues zu begrüßen und Altes zu betrauern
• Freude zu empfinden, ohne deshalb irgendwie den Schmerz zu verraten

Kollektive Katastrophen verstärken diese Ambivalenz. Ereignisse wie Fukushima wirken nicht nur politisch oder medial, wie jetzt gerade auch wieder in Zeiten von Kriegen und Angriffen, sondern sie konfrontieren uns mit Verletzlichkeit, Fassungslosigkeit, Kontrollverlust, Endlichkeit und der Erkenntnis, dass es Sicherheit nicht wirklich gibt bzw. diese zumindest sehr fragil ist. Wenn solche kollektiven Erschütterungen mit persönlichen Lebensereignissen zusammenfallen, entsteht darüber hinaus eine besondere innere Spannung.

Warum diese Ambivalenz so schwer auszuhalten ist

Diesen widersprüchliche Gefühlen versuche die meisten Menschen irgendwie auszuweichen oder aber ganz schnell aufzulösen bzw. fangen sie an, sich dafür zu bewerten „ich weiß ja, dass das eigentlich Quatsch ist…“ Doch genau das verstärkt oft nur den inneren Druck und das Gefühl der Trauer „nicht Herr zu werden“.

Was es deshalb vielleicht zu verstehen gilt ist, dass Ambivalenz in diesem Zusammenhang kein Zeichen von Überforderung oder persönlichem Versagen ist, sondern schlichtweg ein Ausdruck von Intensität und von Tiefe, denn das Leben ist in seinen Ausprägungen halt nie Schwarz oder Weiß und die Herausforderung besteht darin, alles zu leben und das eben auch manchmal gleichzeitig.

Was Trauer hier braucht

Trauer braucht nicht und will auch gar nicht, dass wir uns entscheiden. Sie braucht keinen eindeutigen Zustand. Was sie braucht, ist ein Raum dafür, dass trotz Trauer auch Freude da sein darf, ohne sich schuldig fühlen zu müssen, dass Schmerz da sein darf, ohne deshalb alles überschatten zu müssen, dass einfach beides nebeneinander existieren kann.

In der Begleitung von Trauernden ist genau das, davon bin ich überzeugt, oft ein zentraler Schritt – eben, je nach Kontext, die Gefühle nicht immer ordnen zu müssen, sondern sie auch einfach mal nebeneinander stehen lassen zu können. Trauer verlangt nicht, sich zu entscheiden, sondern sie mutet uns zu, mehr als ein Gefühl gleichzeitig zu tragen.

Der 15. Jahrestag von Fukushima erinnert an eine Katastrophe, deren Folgen bis heute spürbar sind. Darüber hinaus ist er für mich untrennbar verbunden mit dem Beginn eines neuen Lebens – im wahrsten Sinne des Wortes – und auch für mich ganz persönlich. Beides gehört zu meiner Erinnerung an diesen Tag und keines hebt das andere auf.

Eine Einladung

Wenn Du also merkst, dass widersprüchliche Gefühle in Dir Raum brauchen – Freude und Schmerz, Hoffnung und Angst, Dankbarkeit und Trauer – dann darfst Du für Dich annehmen, dass das zunächst einmal eine zutiefst menschliche Reaktion ist. Und darüber hinaus ist es für Dich vielleicht ein Zeichen, Dir diesen Raum auch endlich einmal selbst zu schenken. In meiner Arbeit mit Lebensnarben begleite ich genau diese Gleichzeitigkeit, mit genau dem Respekt für das, was nebeneinander bestehen darf. Kontaktiere mich gerne.

 

P.S. Wenn Dich diese Gedanken hier berühren und Du darüber hinaus auch diese Gefühle kennst, für die im Alltag oft kein Platz ist, dann ist mein Newsletter „Pflasterpost“ genau richtig für Dich. Denn genau darüber schreibe ich regelmäßig immer montags, alle zwei Wochen: Über Krisen, Verletzlichkeit, Trauer, über leise Verluste, seelische Narben, innere Prozesse und alles Dazwischen. Eben über all das, was unter der Oberfläche liegt.

Regelmäßig unperfekt, aber regelmäßig ehrlich Es geht um Gedanken, die tiefer gehen, Perspektiven, die man nicht überall liest und Worte für das, was sonst keinen Namen hat. Dinge, die Dich in Deiner Situation ein bisschen begleiten können. Trag Dich hier ein und lies gerne mit.

 

Hallo, ich bin Astrid.

Ich bin die, die zuhört. Die fragt. Die mit Dir aushält, was gerade schwer ist, ohne Ratschläge und ohne Urteile.

Trauer und Verluste gehören zum Leben dazu, auch abseits von Tod und Sterben. Ich weiß, wie sehr sie belasten können und wie wichtig es ist, dass jemand da ist, der Dich ernst nimmt, Deine Gefühle mitträgt und mit Dir gemeinsam neue Perspektiven entwickeln kann.

Ich kann Dir Deine Trauer nicht abnehmen. Aber ich kann Dir helfen, sie ein kleines Stück leichter tragen zu können. Mit Worten, mit Bildern, mit Impulsen. Damit wieder Raum entsteht in Deinem Leben: Für mehr Lebendigkeit, Leichtigkeit, Freude und neues Vertrauen. 💜

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Astrid von Prondzinski

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  1. […] Art von Trauer, oft als „ambivalent“ beschrieben, wird selten anerkannt. Man kann um eine verstorbene Liebe trauern, ohne verurteilt zu werden, aber […]

  2. robber run game online 23. August 2026 at 20:49- antworten

    Echt krasser Kontrast, das Neugeborene im Arm und im Hintergrund nur die Bilder von Fukushima.

    • Astrid von Prondzinski 24. August 2026 at 00:01- antworten

      Vielen Dank für Deinen Kommentar – ja, genau das war es für mich auch und ich habe selten die Gleichzeitigkeit des Lebens so deutlich gespürt wie an diesem Tag. Er hat mich geprägt und mir (mal wieder) gezeigt, dass das Leben nicht entweder oder ist. Es ist oft beides gleichzeitig.

  3. google ads headline generator 27. August 2026 at 21:12- antworten

    Heftiger Kontrast zwischen der Freude über das Baby und der Katastrophe im Fernsehen. Echt schwierig, das alles gleichzeitig zu fühlen.

    • Astrid von Prondzinski 27. August 2026 at 21:56- antworten

      Danke für Deinen Gedanken dazu. Dieser Kontrast war tatsächlich schwer auszuhalten – und gleichzeitig unglaublich prägend.
      Denn es hat mein Verständnis weiter dafür geschärft, dass diese Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, auch ein Teil von Trauerkompetenz ist: Nicht alles sofort in eine Richtung auflösen zu müssen, sondern anzuerkennen, dass einfach mehrere Wahrheiten gleichzeitig da sein können.

  4. convert png to tiff 1. September 2026 at 23:22- antworten

    Heftiger Kontrast, dieses Gefühl von purem Glück und gleichzeitigem Weltuntergang muss echt extrem gewesen sein.

    • Astrid von Prondzinski 2. September 2026 at 00:28- antworten

      Ja, es war tatsächlich eine sehr seltsame und bis heute unvergessliche Gleichzeitigkeit.

      Danke für Deine Gedanken und dass Du Dir die Zeit zum Lesen meines Blogartikels genommen hast. Ja, das war schon sehr besonders – auf der einen Seite dieses überwältigende Glück, meine Tochter endlich in den Armen zu halten und auf der anderen Seite die Bilder die im Fernsehen liefen über einer Katastrophe, die Menschenleben, Existenzen und ganze Zukunftspläne zerstört hat.

      Eine von mehreren Erfahrungen, die dazu beigetragen haben, dass mir das Thema „Lebensnarben“ heute so wichtig ist. Das Leben besteht eben insgesamt nun mal nicht nur aus Glück oder nur aus Schmerz. Oft existiert einfach beides gleichzeitig und nebeneinander und genau diese widersprüchlichen Momente dürfen viel mehr Raum bekommen. Denn zum einen zeigen sie uns einfach etwas sehr Wesentliches über das Menschsein und zum anderen machen sie etwas mit uns und kosten einfach Kraft.

  5. unblocked slice to meet you game 4. September 2026 at 13:01- antworten

    Echt heftig, wie sich das Glück der Geburt mit dieser Katastrophe vermischt hat. Die Frage, in was für eine Welt man sein Kind da gerade setzt, muss echt beklemmend gewesen sein.

    • Astrid von Prondzinski 4. September 2026 at 18:43- antworten

      Das war tatsächlich einer der widersprüchlichsten Momente meines Lebens.

      Und ja, die Frage „In was für eine Welt wird dieses Kind eigentlich hineingeboren?“ war plötzlich schon sehr präsent. Heute denke ich aber, dass jede Generation ihre eigenen Gründe hat, sich diese Frage zu stellen und unsere Aufgabe als Eltern eben nicht ist, unseren Kindern eine perfekte Welt zu übergeben (die es ja auch irgendwie in keiner Generation gegeben hat), sondern ihnen genug Liebe, Vertrauen und Menschlichkeit mitzugeben, damit sie ihren Platz in dieser unvollkommenen Welt finden können. Ich danke Dir für Deine Gedanken und Deine Zeit, die Du Dir genommen hast.

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