
Es ist verrückt, oder? Heute vor inzwischen schon 6 Jahren wurde beschlossen die Welt in Deutschland anzuhalten, denn heute vor 6 Jahren wurde der erste Lockdown in Deutschland beschlossen, der dann auch am 22. März in Kraft trat.
Wenn ich mich daran erinnere, wie damals unser Alltag zwischen Schulbewältigung, Selbständigkeits- Chaos und vulnerable „Alte-Eltern-Betreuung“ aussah, kann ich es kaum glauben, was wir damals alles so bewältigen mussten.
Doch kaum war der letzte Lockdown vorbei und die letzten gesetzlichen Regelungen im April 2023 aufgehoben, haben wir alle kollektiv von einem Tag auf den anderen so getan, als könnten wir einfach wieder dort anknüpfen, wo wir 2019 aufgehört hatten. Eben einfach zur Tagesordnung übergehen. Zurück in den Normalmodus.
Und ich persönlich bin überzeugt davon, dass das einer der Gründe ist, weshalb heute eine so tiefe, dumpfe Müdigkeit über unserer Gesellschaft liegt. Ein Misstrauen, eine nicht wirklich zu erklärende Gereiztheit und vor allem eine Spaltung, die in jedem neuen Thema, was auf den Plan kommt, sofort wieder aufreißt wie eine schlecht verheilte Wunde.
Die Inhalte von diesem Blog
- Wir tun so, als wäre nichts gewesen, abe die Narben sind überall
- Warum redet niemand über die kollektive Trauer?
- Wir leiden auch am „Sozialem Long-Covid“
- Eigentlich ist klar: Wir können nicht einfach weitermachen
- Wir haben ein Problem
- Was passiert, wenn wir es nicht tun
- Was passiert, wenn wir es tun
- Wir können Corona nicht ungeschehen machen
Wir tun so, als wäre nichts gewesen, aber die Narben sind überall.
Auf jedem Quadratmillimeter unseres Alltags, in unseren Beziehungen und in unserem Arbeitsumfeld. In unseren Körpern und in jedem einzelnen Nervensystem. Und vor allem in unserer Fähigkeit, einander als Gesellschaft, als Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, unterschiedlichen Meinungen und Einstellungen auszuhalten.
Kaum kommt ein neues gesellschaftliches Thema auf, springen wir direkt in Kategorien:
„Bist du dafür? Dagegen? Impfgegner? Mitläufer? Woke? Rechts? Links?“ Alles wird zum Identitätsmarker, jeder Unterschied zum Sprengstoff. Es scheint einfach so, als hätten wir verlernt, dazwischen zu leben. Vielleicht, weil die letzten Jahre uns gezeigt haben, wie schnell „Dazwischen“ lebensbedrohlich wirken kann.
Warum redet eigentlich niemand über die kollektive Trauer?
Wir reden darüber nicht, völlig ver-rückt, aber wir tun es nicht. Aber es passt dazu, dass wir als Gesellschaft mit Trauer nichts anfangen können – schon mit individueller Trauer nicht, geschweige denn mit kollektiver. Wir haben einfach keine Sprache dafür, keinerlei Rituale, keine Orte, keine Kultur und damit eben auch keinen gemeinsamen Umgang. Und so sitzen wir alle da – jeder für sich – und tun so, als wäre das Normalste auf der Welt passiert.
Dabei war es das Gegenteil. Menschen haben Menschen verloren. Nicht nur an Covid, sondern auch an Vereinsamung, an psychische Krisen, an Perspektivlosigkeit. Freundschaften sind zerbrochen. Familien wurden gespalten. Paarbeziehungen sind an völlig unterschiedlichen Standpunkten zerschellt. Nachbarn wurden zu Gegnern und Kollegen zu Feindbildern. Menschen waren allein. Viel zu allein.
Monate ohne Berührung. Ohne eine echte Stimme ohne „Zoom-Mikro-Schalte“ und ohne echten Blickkontakt. Also so, als würde das Nervensystem langsam austrocknen. Menschen haben ihren Lebenswillen, ihre Freude, ihren Mut verloren. Und ja – manche haben ihn auch nie wiedergefunden.
Wir leiden auch am „Sozialem Long-Covid“?
Neben den verherrenden physischen Auswirkungen unter denen viele Menschen und leider vor allem auch viele junge Menschen im Kontext von „Long-Covid“ leiden, wird in der Wissenschaft heute auch vermehrt das Phänomen des „Sozialen Long-Covid“ diskutiert. Während die medizinischen Folgen bisher eher im Fokus standen, zeigen Studien, dass wir uns auch an die zwischenmenschliche Distanz gewöhnt haben. Unsere „sozialen Muskeln“ sind verkümmert. Symptome wie Schlafstörungen und Zukunftsängste sind bei vielen Menschen – und leider auch hier vor allem bei den jungen – im Vergleich zu 2019 signifikant erhöht geblieben. Wer einmal erlebt hat, dass Freiheiten ohne Vorwarnung entzogen werden können, bleibt in Alarmbereitschaft und das ganze dazugehörige Nervensystem ebenfalls.
Eigentlich ist klar: Wir können nicht einfach weitermachen.
Das wäre Gaslighting, nur diesmal kein privates, sondern ein kollektives.
(Gaslighting: Jemand manipuliert eine andere Person so, dass sie ihre Wahrnehmung, Emotionen oder Erinnerungen infrage stellt. In diesem Fall: eine ganze Gesellschaft, die sich einredet, es sei „gar nicht so schlimm“ gewesen.)
Doch es war schlimm. Für manche existenzbedrohend, für andere lebensprägend, für viele traumatisierend. Und vor allem: Es wirkt bis heute nach.
• in der Reizbarkeit, die überall spürbar ist
• in der Einsamkeit, die nie ganz verschwunden ist
• in der politischen Spaltung
• im Zerfall unseres Vertrauens
• in der sozialen Müdigkeit
• im Gefühl, „irgendwie ist alles nicht mehr so wie vorher“
Wir können diese Jahre nicht „weggaslighten“, nicht verdrängen und nicht „totoptimieren“. Denn es ist nun mal etwas existenzielles passiert. Mit Dir, mit mir, mit uns allen.
Wir haben ein Problem
Wir haben keinen Umgang mit dieser kollektiven Trauer. Null. Denn kollektive Trauer braucht gemeinsame Sprache, Räume, Rituale und Anerkennung. Aber wir haben nichts davon. Also wohin gehen dann all die damit verbundenen Gefühle? Nach innen. In den Körper und in die Wut und die Erschöpfung. In Angst und Spaltung. In Zynismus, Burnout, Rückzug und Misstrauen. Wir werden nicht gesund, solange wir weiter so tun, als hätte diese Zeit nicht alles unter unseren Füßen erschüttert.
Und weil die Gesellschaft nicht trauert, müssen wir es stellvertretend tun. Jeder für sich. Nicht, weil wir persönlich wirklich irgendetwas wieder gut machen müßten, sondern weil wir die Verantwortung für unsere eigene psychische Gesundheit haben. Trauer aber eben nicht als Anklage, sondern Trauer als Anerkennen. Ein Danach-Hinschauen, ein Ehrlichwerden und Wiederverbinden. Nur das genau tut unsere Gesellschaft leider nicht. Also müssen wir – als Einzelne – diese Arbeit für uns leisten. Also das Trauern über verlorene Jahre, Menschen, Normalitäten, Selbstverständlichkeiten, Sicherheiten, Leichtigkeit und Stabilität
Was passiert, wenn wir es nicht tun?
Dann bleibt der Schmerz unverdaut und unverdauter Schmerz wird zynisch, hart, laut, feindselig, kalt und spaltend. Also all das, was wir heute im gesellschaftlichen Umgang überall sehen und beklagen. Ein Mensch, der seine Trauer nicht kennt, verwandelt sie in Wut oder in Gleichgültigkeit. In Dauerüberforderung, Misstrauen oder Angst.
Was passiert, wenn wir es tun?
Dann entsteht so etwas wie innere Neuordnung. Ein stabileres Nervensystem, Selbstmitgefühl und insgesamt mehr Weichheit. Wieder Verbindung, Menschlichkeit und sowas wie gesellschaftlicher Mut und Optimismus. Und das ist es, finde ich, was unsere Gesellschaft gerade dringender braucht als jede politische Parole:
Menschen, die trauern (dürfen), damit sie wieder fühlen können. Damit sie wieder vertrauen können und wir dadurch auch alle wieder miteinander besser können.
Wir können Corona nicht ungeschehen machen.
Aber wir können gesund integrieren, was es in uns hinterlassen hat. Die kollektive Aufarbeitung wird wahrscheinlich nie stattfinden. Der Zug scheint abgefahren, denn dafür scheint uns der gesellschaftliche Mut zu fehlen. Aber der persönliche? Den kannst Du Dir zurückholen.
Denn Trauer ist kein Zurückschauen, kein wiederaufwühlen, sondern Trauer ist das Verdauen dessen, was passiert ist. Und genau das ist die Arbeit, die wir brauchen. Und das nicht „irgendwann“, sondern jetzt.






[…] Die stillen Narben der Pandemie – Stichtag heute vor 6 Jahren […]
Vor allem haben wir aus der Pandemie kollektiv nichts gelernt. Diese komplexe Gemengelage aus Gereiztheit und Verdrängung sorgt dafür, dass nur sehr wenige überhaupt noch drauf gucken mögen.
Statt uns für die Zukunft eine konstruktivere Haltung zuzulegen sehe ich ganz viel „zurück zum Normalen“ und Ressentiments. So, wie der Konsum von Tierprodukten weitergeht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis das nächste Virus so weit ist, dass es auf Menschen und zwischen Menschen übertragbar ist. Und dann gehe ich nicht davon aus, dass junge Menschen noch einmal zu diesen Opfern bereit sein werden. Nur zum Beispiel.
Da ist ganz viel Kommunikation sehr schief gelaufen und echte gegenseitige Wertschätzung hat nicht ausreichend stattgefunden. Ich mache mir echt Sorgen. Mal ganz davon abgesehen, was diese Verhärtung mit dem Miteinander macht.
Danke Dir für Deinen so ehrlichen und differenzierten Kommentar.
Ich teile vieles von dem, was Du schreibst – vor allem dieses Gefühl, dass wir kollektiv eher ins „Weiter so“ gegangen sind, statt wirklich hinzuschauen. Und dass genau diese Mischung aus Verdrängung und innerer Gereiztheit gerade spürbar ist.
Gleichzeitig erlebe ich in meiner Arbeit auch, wie viel da noch unter der Oberfläche liegt. Wie viele Menschen sehr wohl etwas mitgenommen haben – aber oft keinen Raum finden, das auszusprechen oder einzuordnen. Vielleicht auch, weil genau diese echte gegenseitige Wertschätzung, von der Du sprichst, vielerorts gefehlt hat.
Und ich frage mich manchmal, ob dieses schnelle „Zurück zum Normal“ nicht auch ein Versuch war, mit etwas umzugehen, das für viele emotional kaum greifbar war.
Deine Sorge um das Miteinander kann ich sehr gut nachvollziehen. Umso wichtiger finde ich genau solche Gespräche wie hier – weil sie zumindest ein Stück weit wieder Verbindung und Differenzierung möglich machen.
Danke Dir fürs Teilen Deiner Gedanken.