
Heute ist internationaler Tag des Spielens. Und tatsächlich stand neulich eine Klientin bei mir in der Praxis und bemerkte mit einem leicht überraschten Lächeln „Du hast ja ganz schön viel Spielzeug hier.“
Und ja, das stimmt. Bei mir gibt ess tatsächlich einiges an Spielzeug in den Regalen. Und das nicht nur zur Deko und ganz sicher nicht, weil ich meine Räume einfach nur „nett“ gestalten will, sondern natürlich aus einem sehr guten Grund. Spielen generell ist viel mehr als etwas Kindliches, mehr auch als reiner Zeitvertreib und auch viel mehr als ein insgesamt geltendes „locker werden“. Spiel ist ein Zugang.
Spielen ist kein Extra – sondern ein Grundbedürfnis
2023 veröffentlichten Forscher um Jaak Panksepp, einen der einflussreichsten Affektneurowissenschaftler der letzten Jahrzehnte, eine Metaanalyse, die einen erstaunlich klaren Befund zusammenfasst:
Spielen ist kein nettes Extra der Entwicklung, es ist ein primäres Bedürfnis des Säugetierhirns. Neurobiologisch betrachtet also für uns grundlegend so wichtig wie Schlaf, Nahrung und Bindung.
Was trotzdem Fakt ist: Fragt man einmal einen Erwachsenen, wann er zuletzt wirklich gespielt hat, brauchen die meisten einen Moment um darüber nachzudenken. Dann kommt oft ein Lachen oder ein bisschen Verlegenheit, manchmal auch beides.
Und genau das ist spannend, denn mit wirklich „spielen“ ist eben nicht etwa Sport machen gemeint, nicht Netflix schauen oder sich sonst irgendwie berieseln und ablenken zu lassen, sondern wirklich spielen. So ganz ohne Ziel, ohne Ergebnis und ohne dass dabei irgendetwas Sinnvolles herauskommen muss.
Warum Spielen für viele Erwachsene so schwer geworden ist
Viele Menschen denken bei Spiel an Leichtigkeit, an Unbeschwertheit, an Kindheit und ein besonderes Gefühl von Freiheit. Aber so einfach ist es dann eben doch nicht.
Stephen Porges beschreibt in seiner Polyvagal-Theorie sehr nachvollziehbar, warum echtes Spiel keine Frage des Wollens ist, sondern eine Frage des Nervensystemzustands. Freies, zweckloses Spiel entsteht nicht einfach, weil wir beschließen, lockerer zu sein. Es entsteht nur dann, wenn unser Nervensystem die Umgebung als ausreichend sicher einschätzt.
Wenn also der Körper nicht vornehmlich damit beschäftigt ist, die Umgebung zu scannen, eben wenn keine Gefahr erwartet wird, ganz generell, wenn wir nicht in Anspannung, Anpassung oder Kontrolle gebunden sind.
Wer nicht sicher war, konnte oft nicht spielen
Und genau hier berührt dieses Thema etwas, das ich in meiner Arbeit immer wieder sehe, dass Menschen, die früh gelernt haben, dass die Welt unberechenbar ist, oft auch sehr früh etwas anderes lernen, nämlich dass Spielen ein Luxus ist, den sie sich nicht leisten können.
Wenn Du als Kind erlebt hast, dass zu laut sein, riskant war, zu sichtbar irgendwie unangenehm, zu lebendig vielleicht sogar störend oder gefährlich, dann passt sich Dein Nervensystem an. Es wird wachsam, „vernünftig“ und kontrolliert.
Von außen sieht das oft gut aus: Ernsthafte, disziplinierte und verantwortungsbewusste Menschen stehen im allgemeinen Ansehen hoch im Kurs. Von innen aber fühlt sich das für diese Menschen manchmal ganz anders an, nämlich eher wie ein Raum, der irgendwann abgeschlossen wurde und dessen Schlüssel nicht mehr auffindbar ist.
Was das mit meinen Themen zu tun hat
Vielleicht fragst Du Dich jetzt, was das mit Trauer, Verlust und Lebensnarben zu tun hat. Und dazu kann ich nur sagen: Sehr viel. Denn Menschen, die zu mir kommen, tragen oft nicht nur einen Verlust in sich. Sie bringen auch die Spuren dessen mit, was sie gelernt haben, um irgendwie zurechtzukommen. Diese ganzen Glaubenssätze rund um „sich zusammenzunehmen zu müssen“, „nicht zu stören“, „nicht zu viel zu sein“, die Kontrolle zu behalten und insgesamt lieber zu funktionieren als zu viel zu fühlen.
Und genau deshalb ist die Möglichkeit sich den Themen auf spielerische Weise zu nähern, die ich gerne mal, wenn es passt, anbiete, für viele nicht wirklich einfach nur „eine nette Idee“, sondern vor allem ungewohnt und manchmal sogar unangenehm.
In meinen Ausbildungsgruppen oder bei meinen früheren Teamevents konnte ich das immer sehr gut beobachten. Sobald eine spielerische Übung angekündigt wurde, passierte sehr häufig etwas im Raum: Einige Menschen wurden einfach still, andere kommentierten auf irgendeine Art und Weise ironisch und wieder andere griffen plötzlich zum Handy oder wirkten innerlich wie weggetreten. So als ob ihr System auf allen Ebenen signalisierte: Das fühlt sich nicht sicher an.
Und genau das ist wichtig zu verstehen, dass, wenn Menschen so reagieren, es sich dabei nicht einfach nur um einen übellaunigen Charakterzug desjenigen oder um lediglich einen Mangel an Offenheit handelt und dass dieser Mensch auch nicht einfach per se eine „Spaßbremse“ ist, sondern dass es wichtig ist anzuerkennen, dass hier einfach die Neurobiologie voll zuschlägt.
Nicht mehr spielen zu können, ist oft ein Zeichen
Wenn ein Mensch nicht mehr spielen kann, nicht frei, nicht ziellos, nicht ohne innere Kontrolle, dann sagt das oft etwas über seinen aktuellen Zustand aus. Es kann ein Hinweis darauf sein, dass das sogenannte „Fenster der Toleranz“ enger geworden ist. Dass das Nervensystem gerade eher mit Regulierung, Schutz und Wachsamkeit beschäftigt ist und grad keine Möglichkeit für Offenheit, Leichtigkeit und Kontakt hat.
Gerade bei Menschen mit Verlust- oder Belastungserfahrungen definitiv nichts Ungewöhnliches. Wo in der Vergangenheit viel getragen wurde, wo viel gehalten werden musste, wo Schmerz, Unsicherheit oder Anpassung das Leben geprägt haben, da ist Spiel oft eines der ersten Dinge, die verschwinden.
Und wenn es wieder möglich wird, ist das nicht banal
Umso berührender ist es, wenn genau das langsam zurückkommt. Wenn jemand plötzlich doch wieder anfangen kann zu spielen. Mit ein paar simplen Püppchen, mit ein paar Schleich Tieren oder einem Memoryspiel mit Motiven zu Abschied und Trauer. Einfach so, vermeintlich Ziellos, in jedem Fall aber ohne Leistungslogik und starrer Selbstkontrolle.
Wenn das passiert, dann ist das oft nicht nur ein netter Moment, sondern ein ganz besonderes Zeichen. Ein sichtbares, körperliches Zeichen von Gesundung. Und nein, damit ist natürlich nicht plötzlich alles leicht, aber das Nervensystem signalisiert in diesen Momenten ganz klar: Hier muss ich gerade nicht aufpassen. Hier darf ich nicht nur sein, sondern hier darf ich einfach lebendig sein.
Warum ich Spiel in meiner Praxis ernst nehme
Genau deshalb gibt es in meiner Praxis Spielzeug. Weil Spiel oft etwas öffnen kann, wenn es passt, was Worte allein manchmal nicht erreichen kann. Weil es Zugang schaffen kann zu Lebendigkeit, Kontakt, Sicherheit und innerer Beweglichkeit. Und weil es manchmal ein erster, ganz zarter Weg zurück ist. Raus aus der Anspannung und raus aus dem ständigen Funktionieren. Zurück in ein Erleben, das nicht nur aus Kontrolle besteht.
Mein Impuls für dich
Überleg einmal:
Was hast Du zuletzt getan, das gar keinen Zweck hatte?
Nicht, weil es „gut für Dich“ war oder Du irgendetwas optimieren wolltest, sondern einfach so. Wenn Dir darauf nichts einfällt, verstehe das bitte nicht als Urteil über Dich. Aber vielleicht kann es ein kleiner Hinweis für Dich sein. Ein Hinweis auf den Zustand Deines Nervensystemzustandes und vielleicht lohnt es sich ja für Dich, genau dort einmal liebevoll hinzuschauen.





