Und ich tue es schon wieder: Ich nehme an noch einer Blogparade teil, denn als ich die Einladung und das Motto zu dieser weiteren Blogparade, diesmal von Silke Geissen gelesen habe, dass da lautet „Einen Scheiss muss ich“, musste ich doch sehr schmunzeln und zwar nicht, weil mir auf Anhieb hundert Dinge eingefallen wären, die ich „nicht muss“, sondern weil dieses Thema in meinem Leben per se sehr präsent ist. Ich begegne einfach im Kontext meiner Arbeit ständig Menschen, die überzeugt davon sind, dass sie unbedingt „etwas müssen“. Sie müssen funktionieren, sie müssen loslassen, sie müssen stark sein, sie müssen nach vorne schauen, sie müssen doch endlich darüber hinwegkommen – oder was es sonst noch so an gängigen Aussagen gibt.

Ein großer Teil meiner Arbeit besteht eigentlich darin, Menschen von Dingen zu befreien, die sie tatsächlich eigentlich gar nicht müssen. Deshalb wird dieser Blogartikel, hier von mir auch nicht irgendeine Liste über irgendwelche Haushalts-, Business-, Produktivitäts- oder Zeitmanagement To Dos, sondern es wird eine Liste und ein Artikel über die Dinge, die wir uns oft selbst auferlegen – ganz besonders dann, wenn das Leben gerade Narben in uns hinterlässt.

Und wenn Dir gefällt was Du hier liest: Es gibt auch einen Newsletter, meine „Pflasterpost“, von mir, die alle zwei Wochen mit Gedanken, Tipps und Angeboten zu diesen Themen in Deinem Postfach landen kann, ohne dass Du weiter etwas dafür tun musst – ausser Dich jetzt hier dafür anzumelden.

 

Die Inhalte von diesem Blog

  1. Du musst nicht stark sein
  2. Du musst nicht positiv denken
  3. Du musst nicht loslassen
  4. Du musst nicht verzeihen
  5. Du musst nicht erklären, warum etwas weh tut
  6. Du musst nicht drüber weg sein
  7. Du musst nicht alles alleine schaffen
  8. Wenn ich meinem heutigen Ich einen Satz schenken könnte

 

Du musst nicht stark sein

Das ist wahrscheinlich einer der Sätze, die ich am häufigsten höre – vor allem nach Verlusten. „Ich muss jetzt stark sein.“ Für die Kinder, die Familie, die Kollegen oder die Eltern. Einfach für alle anderen. Und während sie das sagen, sitzen Menschen vor mir, die seit Wochen oder Monaten eigentlich nur versuchen,  zu überleben und nicht zusammenzubrechen.

Ich frage dann manchmal nach, wer genau ihnen eigentlich vermittelt hat, dass Stärke bedeutet, keine Gefühle zu zeigen und dass stark zu sein für mich stattdessen eigentlich bedeutet, auch zugeben zu können, dass etwas weh tut oder wehgetan hat.

Du musst nicht positiv denken

Ich weiß, das ist ein bisschen ketzerisch, denn wir leben ja in einer Zeit, in der für alles ein positives Mindset gefunden werden soll.

Trennung? Chance!

Jobverlust? Neubeginn!

Krise? Wachstum!

Trauer? Transformation!

Manchmal stimmt das sogar. Aber manchmal stimmt eben auch nichts davon und es tut einfach nur weh. Punkt. Und dann muss niemand sofort den Sinn darin finden, sondern es reicht dann völlig zu sagen: Das ist gerade schwer.

Du musst nicht loslassen

Ich weiß, dass dieser Satz viele überraschen wird, aber Menschen kommen oft zu mir mit dem Gefühl, sie müssten endlich etwas loslassen. Den verstorbenen Partner, die gescheiterte Beziehung, die alte Lebensplanung, die Hoffnung oder generell die Vergangenheit.

Doch was, wenn es gar nicht ums Loslassen geht? Was, wenn es vielmehr darum geht, einen anderen Platz dafür zu finden? Denn manches möchte gar nicht losgelassen werden, manches möchte einfach anerkannt, gewürdigt und liebevoll integriert werden.

Du musst nicht verzeihen

Das ist ein schwieriges Thema und eines, bei dem ich regelmäßig anecke, denn Vergebung wird ja oft als Königsweg dargestellt. Als etwas, das wir tun sollten, um frei zu werden.

Und sicherlich stimmt das manchmal auch sogar, aber ganz häufig eben auch nicht.
Und vor allem nicht auf Knopfdruck.

Niemand muss verzeihen, nur weil andere finden, dass jetzt genug Zeit vergangen ist.

Du musst nicht erklären, warum etwas weh tut

Trauernde Menschen kennen das. Menschen nach Trennungen auch oder nach Kontaktabbrüchen. Und erst recht nach dem Verlust eines Lebensplans.

Es gibt Verluste, die von außen betrachtet klein wirken, aber innen riesig sind.

Aber Du musst niemandem beweisen, dass Dein Schmerz berechtigt ist. Du musst keine Argumente sammeln und keine Rechtfertigungen liefern, denn nicht jede Wunde braucht irgendeinen Beweis oder „ärztliches Attest“ darüber, dass sie schmerzt.

Du musst nicht „drüber weg“ sein

Dieser Punkt ist einer meiner persönlichen Favoriten. Weil unsere Gesellschaft Abschlüsse liebt, gerne in Kapitel denkt und diese möglichst schnell für beendet erklärt – Thema erledigt, weiter geht’s.

Das Leben funktioniert aber selten so, denn manche Verluste begleiten uns lange. Manche sogar ein Leben lang und bleiben auch für immer Teil unserer Geschichte.

Du musst nicht alles alleine schaffen

Das ist vermutlich der Satz, den ich mir selbst am häufigsten sagen musste und ehrlich gesagt manchmal immer noch sagen muss. Ich selbst habe lange geglaubt, dass Selbstständigkeit bedeutet, alles selbst hinzubekommen, dass Stärke bedeutet, unabhängig zu sein und dass Hilfe brauchen irgendwie ein Zeichen von Schwäche ist.

Heute sehe ich das anders.

Viele meiner wichtigsten Entwicklungsschritte waren nur möglich, weil jemand ein Stück mit mir gegangen ist.

Das lerne ich immer noch selbst

Du musst nicht immer wissen, wie es weitergeht.

Ich arbeite mit Menschen in Übergängen und Übergänge haben nun mal eine unangenehme Eigenschaft: Sie sind unübersichtlich.

Man weiß, was nicht mehr ist, aber eben noch nicht, was wird. Früher fand ich das furchtbar.

Heute übe ich mich darin, darauf zu vertrauen, dass es oft ausreicht, den nächsten Schritt zu kennen und nicht gleich den ganzen Weg.

Wenn ich meinem heutigen Ich einen Satz schenken könnte

Wenn ich meinem heutigen Ich einen Satz schenken könnte, dann wäre es vermutlich dieser: „Du musst nicht ständig beweisen, dass du dein Leben im Griff hast. Du darfst es auch einfach leben – mit allen Fehlern, Unzulänglichkeiten und Brüchen.“

Denn vieles von dem, was wir, einschließlich mir selbst für ein Muss halten, ist bei genauerem Hinsehen eben gar keines. Es sind vielmehr Erwartungen, Gewohnheiten, Ängste und Glaubenssätze, die sich tief verankert haben.

Und es kann eine große Freiheit bedeuten, sich mal zu fragen „Wer sagt eigentlich, dass ich das muss?“ Wenn ich eines aus meiner Arbeit mit Menschen gelernt habe, dann dass das Leben uns ohnehin schon genug Aufgaben stellt. Wir müssen es nicht noch durch zusätzliche Zwänge aufladen.

Statt der Frage „Was muss ich noch tun?“ ist deshalb inzwischen für mich persönlich die viel spannendere Frage, die ich mir immer häufiger stelle „Was darf ich endlich sein lassen?“ – und genau das empfinde ich als sehr entlastend.

 

Welches „Muss“ in deinem Leben würdest Du gerne einmal kritisch hinterfragen? Oder welches hast Du bereits losgelassen?

Ich freue mich auf Deine Gedanken in den Kommentaren.

 

P.S. Falls Du gerade an einem Punkt in Deinem Leben stehst, an dem Abschiede, Veränderungen oder alte Geschichten ihren Tribut fordern: Du musst auch das nicht alleine tragen.

Mit Lebensnarben begleite ich Menschen durch genau diese Übergänge – achtsam, empathisch und ohne die Erwartung, dass Du schon wissen musst, wie es weitergeht.

P.P.S. Und wie gesagt: Wenn Dir gefallen hat, was Du hier liest: Es gibt auch einen Newsletter, meine „Pflasterpost“, die alle zwei Wochen mit Gedanken, Tipps und Angeboten zu diesen Themen in Deinem Postfach landen kann, ohne dass Du weiter etwas dafür tun musst – ausser Dich jetzt hier dafür anzumelden.

 

Hallo, ich bin Astrid.

Ich bin die, die zuhört. Die fragt. Die mit Dir aushält, was gerade schwer ist, ohne Ratschläge und ohne Urteile.

Trauer und Verluste gehören zum Leben dazu, auch abseits von Tod und Sterben. Ich weiß, wie sehr sie belasten können und wie wichtig es ist, dass jemand da ist, der Dich ernst nimmt, Deine Gefühle mitträgt und mit Dir gemeinsam neue Perspektiven entwickeln kann.

Ich kann Dir Deine Trauer nicht abnehmen. Aber ich kann Dir helfen, sie ein kleines Stück leichter tragen zu können. Mit Worten, mit Bildern, mit Impulsen. Damit wieder Raum entsteht in Deinem Leben: Für mehr Lebendigkeit, Leichtigkeit, Freude und neues Vertrauen. 💜

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Astrid von Prondzinski

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  1. Silke Geissen 1. August 2026 at 01:22- antworten

    Liebe Astrid,

    vielen Dank für diesen wunderbaren, feinen, zarten und berührenden Artikel, der so viele Freisprüche enthält! Eine großartige Bereicherung für meine Blogparade, vielen Dank!

    Die Idee, dass wir nicht loslassen müssen, wenn es noch nicht geht, finde ich wunderbar befreiend. Trage ich doch unsere vor über zwei Jahren verstorbene Katze tief im Herzen; sie war ein Seelentier, und ihr Tod schmerzt mich immer noch. Nicht ständig, nicht täglich, deutlich weniger als am Anfang. Und sie ist da.

    Und die Forderung, stark zu sein, nachdem ein lieber Mensch gestorben ist, finde ich geradezu vermessen. Wer darf sich anmaßen zu entscheiden, wann genug getrauert ist? Meine Mutter wurde auch so angesprochen, nachdem mein Vater gestorben war. Der Mann, mit dem sie über fünfzig Jahre zusammen war, der kurz vor der goldenen Hochzeit gestorben ist!

    Verzeihen im Sinne von Annehmen finde ich ganz okay, solange keine Absolution von mir verlangt wird. Manches lässt sich nicht wegmachen, nur wir können entscheiden, wie intensiv wir daran festhalten. Ich glaube, da liegen wir auf einer Linie.

    Ach, schön! Ich habe deinen Artikel wirklich sehr gern gelesen. Danke fürs Mitmachen!

    Ganz liebe Grüße aus Hamburg
    Silke

  2. Astrid von Prondzinski 1. August 2026 at 18:20- antworten

    Liebe Silke,

    vielen lieben Dank für Deine wertschätzende Rückmeldung auf meinen Blogartikel.

    Ich glaube, viele Menschen kennen dieses Gefühl, dass jemand oder etwas noch immer einen festen Platz im Herzen hat – nicht mehr so schmerzhaft wie am Anfang, aber dennoch präsent. Und ich finde, das muss auch gar nicht „weg“. Warum sollte es? Liebe hat schließlich kein Verfallsdatum.

    Auch was Du über Deine Mutter schreibst, hat mich innerlich nicken lassen, denn nach über fünfzig gemeinsamen Jahren zu erwarten, dass Trauer irgendwann nach einem gesellschaftlich akzeptierten Zeitplan abgeschlossen sein müsste, ist einfach tatsächlich vermessen – und geschieht leider gar nicht so selten. Dabei würden wir doch auch nie auf die Idee kommen, einem Menschen vorzuschreiben, wie lange er lieben darf. Warum glauben wir dann so oft, wir dürften bestimmen, wie lange jemand trauern darf?

    Und ja, bei dem Thema Verzeihen liegen wir vermutlich auch sehr nah beieinander, denn für mich geht es dabei ebenfalls nicht um Freisprüche oder darum, etwas ungeschehen zu machen, sondern darum, den oft großen Einfluss, den etwas auf das eigene Leben hat, bewusst gestalten zu können.

    Ich freue mich sehr, dass mein Beitrag Teil Deiner Blogparade sein durfte. Deine Leitfragen haben mich tatsächlich noch einige Tage weiter beschäftigt – vielleicht gerade deshalb, weil sie viele dieser gesellschaftlichen Erwartungen rund um Trauer, Loslassen und Stärke so schön hinterfragen.

    In diesem Sinne,
    alles Gute und viele Grüße von Essen nach Hamburg,
    Astrid

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