Grosseltern

Wenn wir über Trennungen sprechen, denken wir meist zuerst an die Eltern und die Kinder.

An verletzte Partnerschaften, an neue Lebensmodelle, Sorgerechtsregelungen und natürlich vor allem an die Frage, wie Kinder möglichst gut durch diese Zeit begleitet werden können. Wesentlich seltener sprechen wir über diejenigen, die ebenfalls betroffen sind und deren Schmerz oft unsichtbar bleibt:

Die Großeltern.

Zum heutigen Welt-Großelterntag möchte ich deshalb diesen Blogartikel genau ihnen widmen.

Denn im Zuge einer Trennung ihrer Kinder verlieren aus sie häufig sehr viel – nicht selten einen Teil ihres Alltags, ihrer Rolle und manchmal sogar den Kontakt zu ihren Enkeln ganz. Ein Verlust, über den kaum gesprochen wird und der dennoch für viele Betroffene tiefe Trauer bedeutet.

 

Die Inhalte von diesem Blog

  1. Die doppelte Entwicklungsaufgabe vieler Eltern
  2. Wenn eine Trennung alles verändert
  3. Die Sonderrolle der väterlichen Großeltern
  4. Ein Verlust, der selten anerkannt wird
  5. Warum Großeltern so wichtig sein können
  6. Das Mobile der Familie
  7. Es geht auch um Care Arbeit
  8. Was Kinder nach einer Trennung am meisten brauchen

Die doppelte Entwicklungsaufgabe vieler Eltern

Schon ohne Trennung stehen viele Menschen vor einer anspruchsvollen Entwicklungsaufgabe.

Mit der Geburt eines Kindes werden sie nicht nur Eltern, sondern sie müssen gleichzeitig lernen, sich aus ihrer bisherigen Kinderrolle zu lösen und ihren eigenen Platz als erwachsene Person gegenüber den eigenen Eltern zu finden.

Das klingt selbstverständlich, ist aber oft ein sehr komplexer Prozess.

Plötzlich geht es um Fragen wie:

  • Wie viel Einfluss dürfen meine Eltern auf meine Erziehung nehmen?
  • Wo brauche ich Unterstützung?
  • Wo brauche ich Abgrenzung?
  • Wie gelingt es mir, eigene Entscheidungen zu treffen, ohne ständig die Zustimmung meiner Eltern zu suchen?

Manche Familien bewältigen diesen Übergang gut.

In anderen entstehen Spannungen, Enttäuschungen oder Konflikte, die lange unter der Oberfläche wirken.


Wenn eine Trennung alles verändert

Kommt es zur Trennung der Eltern, gerät dieses ohnehin sensible Gefüge zusätzlich ins Wanken, denn Trennungen betreffen nie nur zwei Menschen – sie verändern ganze Familiensysteme.

Plötzlich müssen Rollen neu gefunden, Beziehungen neu ausgehandelt und Zugehörigkeiten neu definiert werden. Ein oft schmerzhafter und sehr komplexer Prozeß für alle Beteiligten – nur dass sich die Großeltern in diesem Konstrukt oft sehr hilflos und ausgeliefert fühlen.


Die Sonderrolle der väterlichen Großeltern

Im gesamten Kontext zeigt sich nach Studien ein Phänom dabei häufig, nämlich dass die väterlichen Großeltern nach einer Trennung oft deutlich häufiger den Kontakt zu ihren Enkeln verlieren als die mütterlichen Großeltern.

Das ist definitiv nicht zwangsläufig Ausdruck von Ablehnung oder bösem Willen. Vielmehr spiegelt es häufig gesellschaftlich gewachsene Strukturen wider, denn noch immer übernehmen Mütter in vielen Familien einen Großteil der emotionalen Beziehungsarbeit.

Sie organisieren Kontakte, erinnern an Geburtstage, vereinbaren Besuche und pflegen familiäre Bindungen. Außerdem besteht oft ein engerer Kontakt zu den eigenen Eltern als zu den Schwiegereltern.

Kommt es zur Trennung, verstärken sich diese bestehenden Strukturen häufig. Was vorher selbstverständlich war, wird plötzlich fragil.

 

Ein Verlust, der selten anerkannt wird

In meiner Arbeit begegnen mir Menschen, deren Trauer keinen gesellschaftlich anerkannten Platz hat – und dazu gehören auch Großeltern in genau dieser Situation. Denn während die Trennung eines Paares meist gesehen wird und entsprechende Resonanz bekommt, bleibt die Trauer der Großeltern oft unsichtbar.

Wobei sie meist auch viel verlieren: Regelmäßige Begegnungen, gemeinsame Rituale, ihren Alltag als Oma oder Opa, das Gefühl von Zugehörigkeit und die Möglichkeit, die Entwicklung ihrer Enkel mitzuerleben. Und dennoch hören sie häufig nur Sätze wie: „Da kannst Du nichts machen, halte dich da besser raus.“

Doch Beziehungen verschwinden nicht, nur weil sie rechtlich anders definiert sind. Wo Bindung war, entsteht bei Verlust Trauer.

Auch bei Großeltern.


Warum Großeltern so wichtig sein können

Gerade in Zeiten familiärer Umbrüche können Großeltern für Kinder eine enorme Ressource sein, denn sie verkörpern oft etwas, das Kinder in Krisenzeiten besonders brauchen:

Kontinuität.

Während sich Wohnorte, Tagesabläufe oder Familienkonstellationen verändern, können Großeltern Stabilität vermitteln. Im besten Fall erzählen sie vertraute Geschichten, bewahren Erinnerungen, vermitteln Zugehörigkeit und signalisieren „Du gehörst weiterhin zu uns.“

Für Kinder kann diese Erfahrung von unschätzbarem Wert sein.


Das Mobile der Familie

In systemischen Zusammenhängen arbeite ich gerne mit dem Bild eines Mobiles. Jedes Familienmitglied ist ein Teil dieses Mobiles. Wird ein Element entfernt oder bewegt, gerät das gesamte System in Schwingung.

Eine Trennung verändert daher niemals nur die Beziehung zwischen zwei Erwachsenen – sie verändert das Gleichgewicht des gesamten Systems.

Großeltern können in diesem Bild wichtige Gewichte sein, die helfen, Stabilität zurückzugewinnen, denn sie können Orientierung geben, Ruhe ausstrahlen oder auch Brücken bauen, in jedem Fall Kinder emotional auffangen.

Oder aber Sie können auch – oft unbewusst – zusätzliche Unruhe ins System bringen. Zum Beispiel dann, wenn eigene Verletzungen, Loyalitätskonflikte oder ungelöste familiäre Themen die Beziehungsgestaltung beeinflussen. Genau deshalb kann systemisches Trauercoaching in solchen Situationen eine wertvolle Unterstützung sein, denn es betrachtet nicht nur einzelne Personen, sondern das gesamte Beziehungsgeflecht.


Es geht auch um Care-Arbeit

Wenn wir über Trennung, Familie und Großeltern sprechen, sprechen wir letztlich auch über gesellschaftliche Fragen, wie Verantwortung, emotionale Zuständigkeit und Care-Arbeit. Denn Beziehungen entstehen ja nicht von allein. Sie brauchen Zeit, Aufmerksamkeit, Kontakt und Engagement und diese Arbeit ist in unserer Gesellschaft leider nach wie vor ungleich verteilt.

Oft wird sie selbstverständlich erwartet, selten benannt und noch seltener wertgeschätzt. Erst wenn Beziehungen abbrechen, wird sichtbar, wie viel Arbeit zuvor in ihrem Erhalt gesteckt hat.


Was Kinder nach einer Trennung am meisten brauchen

Kinder brauchen nach einer Trennung vor allem eines: Menschen, die ihre eigenen Verletzungen nicht wichtiger machen als die Bedürfnisse des Kindes und Menschen, die nicht um Loyalitäten kämpfen, sondern die Zugehörigkeit vermitteln und die trotz aller Veränderungen verlässlich bleiben.

Großeltern können dabei eine wichtige Rolle spielen und das nicht als Ersatzeltern, Schiedsrichter oder Verbündete einer Seite, sondern schlichtweg als sichere Bezugspersonen, als Menschen, die zeigen, dass auch wenn sich vieles verändert hat, das Kind weiterhin Teil unserer Familie ist.

Und manchmal ist genau diese Botschaft das Wertvollste, was ein Kind in Zeiten großer Veränderungen hören kann. Der heutige Weltgroßelterntag kann uns deshalb auch daran erinnern, dass Familienbeziehungen weit über die Eltern-Kind-Beziehung hinausgehen und dass Trennungen eben nicht nur organisatorische Veränderungen auslösen, sondern sie oft auch vielfältige Trauerprozesse auslösen – bei Kindern, Eltern und Großeltern.

Wenn wir als Gesellschaft trauekompetenter werden wollen, sollten wir auch diesen oft übersehenen Verlusten mehr Aufmerksamkeit schenken, denn wo Bindung besteht, wird Verlust schmerzen – und wo Schmerz gesehen wird, entsteht die Möglichkeit, gemeinsam einen neuen Weg zu finden.

 

P.S. Und falls Du gerade als Betroffene oder Betroffener genau an diesem Punkt stehst: Du musst das alles nicht alleine für Dich lösen. Mit Lebensnarben begleite ich Menschen genau durch diese Prozesse bei Abschieden, Veränderungen und die Kapitel ihres Lebens, die noch keine Antworten und keinen guten Platz gefunden haben.

P.S. Wenn Dich diese Gedanken hier berühren und Du darüber hinaus auch diese Gefühle kennst, für die im Alltag oft kein Platz ist, dann ist mein Newsletter Pflasterpost“ genau richtig für Dich. Denn genau darüber schreibe ich regelmäßig immer montags, alle zwei Wochen: Über Krisen, Verletzlichkeit, Trauer, über leise Verluste, seelische Narben, innere Prozesse und alles Dazwischen. Eben über all das, was unter der Oberfläche liegt.

Nicht regelmäßig perfekt, aber regelmäßig ehrlich Es geht um Gedanken, die tiefer gehen, Perspektiven, die man nicht überall liest und Worte für das, was sonst keinen Namen hat.

Kein Spam. Kein Druck. Nur Dinge, die Dich in Deiner Situation ein bisschen begleiten können.
Trag Dich hier ein und lies gerne mit.

Hallo, ich bin Astrid.

Ich bin die, die zuhört. Die fragt. Die mit Dir aushält, was gerade schwer ist, ohne Ratschläge und ohne Urteile.

Trauer und Verluste gehören zum Leben dazu, auch abseits von Tod und Sterben. Ich weiß, wie sehr sie belasten können und wie wichtig es ist, dass jemand da ist, der Dich ernst nimmt, Deine Gefühle mitträgt und mit Dir gemeinsam neue Perspektiven entwickeln kann.

Ich kann Dir Deine Trauer nicht abnehmen. Aber ich kann Dir helfen, sie ein kleines Stück leichter tragen zu können. Mit Worten, mit Bildern, mit Impulsen. Damit wieder Raum entsteht in Deinem Leben: Für mehr Lebendigkeit, Leichtigkeit, Freude und neues Vertrauen. 💜

AvP sw Laptop 500x500 20240925

Astrid von Prondzinski

Teile diesen Blogartikel

Hinterlasse einen Kommentar

Beiträge, die Dich ebenfalls interessieren könnten: