
Es gibt so Sätze, die ich so oder in ähnlicher Form von Menschen im Verlauf meiner Arbeit mit ihnen tatsächlich öfter höre – so etwas wie
„Natürlich bin ich traurig, dass die Beziehung vorbei ist. Aber wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich auch erleichtert.“
„Meine Mutter ist endlich friedlich eingeschlafen. Und obwohl ich sie unendlich vermisse, habe ich zum ersten Mal seit Jahren wieder richtig durchgeatmet. Dafür schäme ich mich.“
„Ich habe meinen Job verloren. Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Und gleichzeitig merke ich, wie eine unglaubliche Last von mir abgefallen ist.“
Und fast immer folgt dann dieselbe Frage: „Ist das eigentlich normal?“ Meine Antwort darauf ist jedes Mal dieselbe: Ja, absolut.
Trauer besteht selten nur aus einem Gefühl. Wir haben nur irgendwann gelernt, dass Trauer nur traurig sein darf, so wie Liebe nur schön sein soll oder Abschiede nur schmerzen dürfen. Aber das Leben funktioniert nicht nach solchen einfachen Regeln. Gerade Verluste jenseits von Tod und Sterben zeigen uns immer wieder, wie widersprüchlich unser Innenleben sein kann.
Eine Trennung kann gleichzeitig Schmerz und Freiheit bedeuten. Eine Kündigung kann Angst machen und gleichzeitig Erleichterung bringen. Nach Jahren der Pflege kann der Tod eines geliebten Menschen unendlich traurig sein – und zugleich das Ende einer langen Zeit der Anspannung.
Nichts davon macht uns herzlos, es macht uns einfach nur menschlich.
Die Inhalte von diesem Blog
- Wir denken viel zu oft in „Entweder-oder“
- Unser Nervensystem kennt kein Schwarz oder Weiß
- Erleichterung bedeutet nicht, dass Du weniger geliebt hast
- Gefühle dürfen nebeneinander stehen
- Wenn Du gerade zwischen widersprüchlichen Gefühlen hin- und hergerissen bist …
Wir denken viel zu oft in „Entweder-oder“
Wir Menschen wünschen uns Klarheit. Wir wollen klar sagen können, ob wir entweder traurig oder aber erleichtert sind. Ob wir jemanden lieben oder aber froh sind, dass die Beziehung vorbei ist. Dass wir entweder den alten Job vermissen oder uns auf den Neuanfang freuen. Doch genau dieser Wunsch und dieses Denken bringen viele Menschen nur zusätzlich unter Druck.
Sie fragen sich: „Wenn ich erleichtert bin – habe ich dann überhaupt richtig geliebt?“ „Wenn ich wieder lachen kann – trauere ich dann genug?“ „Wenn ich froh bin, dass etwas vorbei ist – darf ich überhaupt traurig sein?“
Doch wir dürfen aufhören, Gefühle gegeneinander auszuspielen, denn Gefühle kennen keine Rangliste. Sie dürfen nebeneinanderstehen.
Unser Nervensystem kennt kein Schwarz oder Weiß
Auch unser Körper zeigt uns, dass Trauer kein gerader Weg ist. Unser Nervensystem pendelt ständig zwischen Anspannung und Entspannung. Zwischen Alarm und Sicherheit und zwischen Weinen und Lachen. An einem Tag fühlt sich alles schwer an. Am nächsten erwischst Du Dich dabei, wie Du über etwas lachst – und im nächsten Moment kommt sofort das schlechte Gewissen. „Darf ich das überhaupt?“
Ja.
Denn Dein Nervensystem macht genau das, was es tun soll. Es sucht immer wieder kleine Momente von Sicherheit. Deine Trauer wird dabei nicht kleiner, aber Dein Körper muss zwischendurch einfach mal Luft holen.
Erleichterung bedeutet nicht, dass Du weniger geliebt hast
Gerade Angehörige, die über viele Monate oder Jahre einen Menschen gepflegt haben, erzählen mir häufig von diesem inneren Konflikt. Sie trauern und gleichzeitig sind sie erleichtert. Natürlich wollten sie diesen Menschen auf keinen Fall loswerden, aber sie sind eben auch froh, dass das Leiden endlich vorbei ist – weil die ständige Sorge endet und weil sie selbst zum ersten Mal seit langer Zeit wieder schlafen können. Erleichterung ist deshalb kein Verrat. Sie ist oft einfach die Antwort eines Körpers darauf, dass er viel zu lange im Ausnahmezustand war.
Gefühle dürfen nebeneinander stehen
Hilfreich wäre es, wenn wir aufhören würden, unsere Gefühle ständig zu bewerten. Gefühle sind nie einfach nur richtig oder falsch und auch nicht jedes Gefühl braucht eine Rechtfertigung. Das eine Gefühl nimmt dem anderen nichts weg. Im Gegenteil, es zeigt einfach nur, wie vielschichtig unser Leben ist.
Deshalb geht es auch nicht darum, ein Gefühl loszuwerden, sondern die Herausforderung besteht darin, mehre Gefühle gleichzeitig halten zu können. Leben ist selten eindeutig und genau deshalb dürfen wir auch aufhören, von uns selbst Eindeutigkeit zu verlangen. Stattdessen dürfen wir uns erlauben zu sagen: „Ja, ich bin traurig und ja, gleichzeitig bin ich auch erleichtert.“
Beides darf sein – und keines von beiden macht mich zu einem schlechten Menschen.
Wenn Du gerade zwischen widersprüchlichen Gefühlen hin- und hergerissen bist …
… dann musst Du das nicht allein sortieren.
Manchmal hilft es, wenn jemand den Raum hält, ohne zu bewerten, ohne vorschnelle Antworten und ohne Dich in ein „Entweder-oder“ zu drängen.
Wenn Du Dir genau das wünschst, begleite ich Dich gerne ein Stück auf Deinem Weg. Denn manchmal entsteht Entlastung nicht dadurch, dass ein Gefühl verschwindet – sondern dadurch, dass endlich alle Gefühle da sein dürfen.





