
Ich habe in den letzten Tagen, wie wir wahrscheinlich alle, viele kluge Beiträge zu einem Thema gelesen, das ja eigentlich schon so alt ist und uns alle trotzdem gerade, aus aktuellem Anlass, besonders umtreibt: Die Debatte über digitale Gewalt, um Verantwortung, um Macht und Machtmissbrauch und um das, was sich gesellschaftlich dringend verändern muss.
Und all das ist über die Maßen uneingeschränkt wichtig und richtig und längst überfällig. Und wenn diese ganze furchtbare Geschichte rund um den Fall Collien Fernandez und Christian Ulmen auch nur irgendetwas gutes an sich haben soll, dann sicherlich diese Aufmerksamkeit für diese so wichtigen Themen.
Aber darüber hinaus und abgesehen davon, beschäftigt mich bei dieser Debatte noch etwas anderes, etwas viel privateres und trotzdem etwas, was viele von uns wahrscheinlich, zumindest teilweise, nachvollziehen können und was auch immer wieder Thema in meiner Arbeit ist: Dieser unfassbar, sehr persönliche, verletzende Verrat.
Die Inhalte von diesem Blog
- Der Moment, in dem etwas zerbricht
- Wenn Sicherheit plötzlich verschwindet
- Warum sich Verrat wie ein Todesfall anfühlen kann
- Auch eine Form von Trauer, die oft keinen Platz hat
- Die Essenz
Der Moment, in dem etwas zerbricht
Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie es sich anfühlen muss, wenn der Mensch, dem du am meisten vertraut hast, Dich auf diese Art und Weise verrät. Wenn Du Deinen Ehepartner von einem Moment auf den nächsten als völlig fremden Menschen betrachten musst. Und auch wenn uns allen die Thematik von Vertrauensmißbrauch in zwischenmenschlichen Beziehungen wahrscheinlich generell nicht unbekannt ist, übersteigt diese Dimension doch noch einmal alles. Und das betrifft eben nicht die öffentliche und die politische Ebene, sondern einfach nur die ganz private.
Vielleicht kennst Du ja auch dieses Gefühl – nicht in dieser Form, aber auf Deine eigene Weise. Der Moment, in dem Du begreifst: Das, worauf ich vertraut habe, existiert nicht mehr, da ist nichts mehr als ein tiefes schwarzes Loch. Etwas, das vorher sicher war, ist es plötzlich überhaupt nicht mehr.
Denn das ist genau das, was so lange nachwirkt – viel länger als das was uns dafür oft in unserem Umfeld zur Verarbeitung an Zeit zugestanden wird. Doch das, was da passiert, erschüttert mehr als nur die aktuelle Situation, in der es zutage tritt. Es erschüttert insgesamt Dein komplettes Vertrauen, Dein Gefühl von richtig und falsch, Dein Bild von Beziehung und manchmal sogar Dein Bild von Dir selbst.
Wenn Sicherheit plötzlich verschwindet
Was uns durch Verrat so tief erschüttern lässt, ist eben nicht nur das, was passiert ist, sondern es ist vor allem das, was dadurch verloren geht, nämlich unser Gefühl von Sicherheit. Nicht im äußeren Sinn, sondern dieses wichtige innere Gefühl. Die Gewissheit, die wir im Leben in den unterschiedlichsten Kontexten brauchen und die uns fühlen läßt: Hier bin ich sicher, hier kann ich vertrauen, hier werde ich nicht verletzt.
Genau diese Gewissheit bricht weg, in einem einzigen Moment. Plötzlich fühlt sich etwas komplett unsicher und gefährlich an, das vorher völlig selbstverständlich war. Worte bekommen eine neue Bedeutung und Erinnerungen werden hinterfragt. Man stellt sich selbst in Frage: Wie konnte ich das nicht merken? Kann ich meinem Gefühl überhaupt noch vertrauen? Was, wenn mir das wieder passiert?
Auch wenn dies sicherlich die falschen Fragen sind, denn Verrat sagt ja nichts über Deine vermeintliche Naivität aus, sondern stattdessen etwas über Deine Fähigkeit zu vertrauen – und das ist so wichtig und wertvoll. Doch genau das ist eben auch der Punkt, der Verrat so schmerzhaft macht und wo er seine tiefsten Spuren hinterlässt – eben nicht nur im Vertrauen zu anderen, sondern im Vertrauen zu uns selbst.
Und genau deshalb braucht es viel Zeit und Raum und viele Schleifen, das Erlebte wirklich zu verarbeiten – auch wenn das Umfeld all das Geschehene vielleicht gerne schneller wieder abhaken würde. Aber Sicherheit für den von Verrat betroffenen lässt sich nicht einfach „wieder herstellen“ – sie muss völlig neu wieder entwickelt und aufgebaut werden.
Warum sich Verrat wie ein Todesfall anfühlen kann
Und deshalb kann sich, so wie es Collien Fernandez ja auch beschrieben hat, die Aufdeckung eines Verats tatsächlich so anfühlen, als ob jemand gestorben wäre. Und auch das mag vielleicht für Außenstehende übertrieben klingen, ist es aber nicht, denn genau das passiert innerlich bei Verrat: Etwas stirbt.
Natürlich nicht der Mensch tatsächlich, aber die Beziehung, wie Du sie kanntest und mochtest, das Vertrauen, das Du hattest, einfach die gemeinsame Wirklichkeit sterben in diesem Moment.
In meiner Arbeit begegnet mir genau das immer wieder: Menschen, die nicht „nur“ etwas erlebt haben, sondern wirklich etwas oder jemanden dadurch in ihrem Leben verloren haben, obwohl diese noch leben und die genau das, auch Jahre später noch immer nicht einordnen können – weil eben niemand tatsächlich gestorben ist, es sich aber trotzdem so nach Abschied anfühlt.
Auch eine Form von Trauer, die oft keinen Platz hat
Verrat hinterlässt deshalb nicht nur Wut, nicht nur Enttäuschung, sondern wirklich tiefe Trauer. Und wie bei jedem Verlust gilt auch hier: Die Trauer um alles, was damit zusammenhängt wird nicht leichter, wenn wir sie kleinreden, sie übergehen oder schnell relativieren wollen, sondern wenn sie einen Platz bekommt, um gesehen und wirklich gefühlt werden zu dürfen.
Aber auch diese Form der Trauer findet kaum gesellschaftliche Anerkennung. Auch sie zeigt sich oft lediglich versteckt als Misstrauen, das plötzlich da ist, als Rückzug und als starke Selbstzweifel bei einer betroffenen Person, über die wir uns als Gesellschaft dann oft wundern.
Die Essenz
Insofern finde ich es so wichtig sich klar zu machen: Jegliche Form von Verrat ist in unserem emotionalen Erleben als Menschen nicht irgendeine Randnotiz. Verrat ist eine Erfahrung, die Menschen in ihrem Innersten erschüttert und verändert. Und deshalb ist es in diesem ganzen Kontext auch ein wichtiger Gedanke: Verrat ist nicht nur ein Verhalten. Verrat ist ein sehr schwerwiegender Verlust für den Menschen, der ihn erleidet. Und genau so darf er auch gesehen werden.
Wann immer also jemanden ein Verrat widerfährt muss es normal werden, dies als tiefen Einschnitt anzuerkennen, den es zu verarbeiten gilt und für dessen Bewältigung man sich nicht schämen muss, sondern sich stattdessen Zeit und Raum nehmen und Unterstützung holen darf.
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