
Ostern steht vor der Tür. Karsamstag. Volle Autobahnen mit Familien, die auf dem Weg zueinander sind.
Die leuchtenden Augen der Kinder beim Ostereiersuchen. Der Spaziergang mit mehreren Generationen. Ein Fest, das nach Nähe, Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit klingt. Und oft ist es das ja auch.
Aber manchmal eben auch nicht – oder zumindest nicht nur.
Die Inhalte von diesem Blog
- Wenn alte Rollen alles überlagern
- Friede, Freude, Eierkuchen?
- Die Trauer, die wir nicht fühlen wollen
- Selbstfürsorge statt Selbstverleugnung
- Fazit
Wenn alte Rollen alles überlagern
Vielleicht kennst Du das ja auch: Beim Osterspaziergang geht noch alles gut. Du weichst bestimmten Themen geschickt aus. Lächelst und hältst Smalltalk. Doch spätestens am festlich gedeckten Tisch wird es dann enger – und zwar nicht nur räumlich. Der einzige freie Platz ist zwischen Onkel Walter und Tante Frieda. Manche Gespräche fangen an zu kippen. Stimmungen verändern sich.
Und plötzlich bist Du nicht mehr die im Hier und Jetzt, sondern wieder die in Deiner alten Rolle. Was bedeutet: Du erklärst Dich. Du passt Dich an. Du schluckst Dinge runter und Du lachst auch schon mal an Stellen, die sich eigentlich nicht gut anfühlen. Und auf dem Heimweg kommt Dir dann wieder dieser Gedanke: „Warum war ich denn schon wieder nicht ich selbst?“
Friede, Freude, Eierkuchen?
Solche Situationen sind selten „nur anstrengend“. Sie berühren oft etwas viel Tieferes: Nämlich alte Muster, Dynamiken und familiäre Verletzungen. Und oft auch eine Trauer in diesem Kontext, die bisher einfach keinen Platz bekommen hat.
Die Trauer darüber,
- dass sich bestimmte Dinge nicht verändern – so sehr Du Dich auch bemühst und es Dir wünscht
- dass bestimmte Gespräche immer gleich verlaufen und in der Regel auf Deine Kosten gehen
- dass Du in Deiner Familie einfach generell nicht so gesehen wirst, wie Du eigentlich bist
- dass die Harmonie, die Du Dir schon so lange wünschst, wahrscheinlich niemals entstehen wird
Die Trauer, die wir nicht fühlen wollen
Diese Trauer kann sehr schmerzhaft sein und auch manchmal sehr „unbequem“, denn sie stellt uns vor eine Wahrheit: Es wird mit der Familie wahrscheinlich nie so, wie wir es uns wünschen. Und ja, diese Erkenntnis ist, auch wenn man schon älter ist, ganz schön schwer auszuhalten.
Und deshalb lächeln wir diese Gefühle, gerade an so Tagen wie Ostern, in der Regel weg, bis sie sich an anderer Stelle zeigen, – beispielsweise durch körperliche Symptome wie Sodbrennen, Unruhe oder tiefe Erschöpfung. Manchmal zeigen sie sich auch sehr emotional: Durch plötzliche Wut, die sich Bahn bricht, spitze Kommentare oder ein „Explodieren“, das für andere oft sehr überraschend kommt. Und dann fragen wir uns oft danach sogar selbst: „Was war das denn jetzt?“
Doch so überraschend ist das gar nicht, denn Beides hat denselben Ursprung: Nicht gefühlte Emotionen und nicht gelebte Trauer. Wenn wir dem, was in uns ist und gefühlt werden will, keinen Raum geben, sucht es sich auf die ein oder andere Art einen anderen Weg und der ist selten der, den wir uns wünschen.
Selbstfürsorge statt Selbstverleugnung
Dass Deine Familie sich noch verändert, ist eher unwahrscheinlich. Insofern liegt die Lösung für Dich vielleicht eher darin, Dir selbst anders zu begegnen. Ehrlich wahrnehmen, was da ist, Dir bewusst erlauben, darüber traurig zu sein und anzuerkennen, was Du Dir eigentlich wünschen würdest. Ohne großes Drama aber ganz ehrlich für Dich selbst, denn Du musst nicht das ganze System verändern. Aus systemischer Sicht funktioniert Familie wie ein Mobile. Wenn sich ein Teil bewegt, kann der Rest nicht einfach still bleiben. Bewegung erzeugt immer Gegenbewegung.
Das bedeutet: Wenn Du beginnst, Dich anders zu verhalten, klarer zu werden, Deinen Platz einzunehmen,
Grenzen zu setzen oder Dinge anders zu sehen, dann verändert sich automatisch auch das System. Oft ohne, dass die anderen bewusst mitmachen und oft auch nicht, weil sie das wirklich wollen würden, sondern einfach, weil es gar nicht anders geht.
Das kann sich am Anfang ungewohnt oder sogar unbequem anfühlen, denn Systeme streben zunächst nach dem, was sie kennen. Aber langfristig entsteht genau daraus etwas Neues: Mehr Klarheit, neue Dynamiken und vor allem mehr Ruhe in Dir. Du bist also nicht machtlos. Du bist ein Teil des Systems – und genau deshalb wirksam.
Ganz konkret kann das bedeuten, Dir bewusst Pausen zu erlauben, indem Du einfach mal den Raum verlässt, Dich aus Gesprächen herauszuziehen, die Dir nicht guttun, innerlich ganz bewusst einen Schritt zurückzutreten und Dir danach Raum zu geben, das Erlebte zu verarbeiten. Und vor allem: Dir selbst nicht mehr abzusprechen, dass das, was Du da fühlst okay ist und Anerkennung verdient.
Trauer als Schlüssel
Wenn Erwartungen nicht erfüllt werden, wenn Beziehungen nicht so sind, wie wir sie uns wünschen und wenn wir immer wieder in alte Rollen rutschen, kann das schmerzhafte Trauer auslösen. Diese Trauer zuzulassen, bedeutet nicht, zwangläufig in den großen, familiären Konflikt oder gar den Kontaktabbruch gehen zu müssen. Aber sie bedeutet, die Realität anzuerkennen und uns selbst darin nicht weiter zu verbiegen und passend zu machen.
Fazit
Familienfeste sind nicht nur Orte der Freude, sie sind auch Spiegel. Für das, was war, für das, was ist und für das, was vielleicht nie so sein wird, wie wir es uns wünschen. Wichtig für einen gesunden Umgang mit dieser „Lebensnarbe“ ist es nicht alles wegzulächeln, nicht alles zu unterdrücken, sondern ehrlich hinzuspüren. Nur dann kann eine Veränderung der Situation für Dich in Richtung inneren Frieden gelingen. Und das wahrscheinlich leider nicht im Außen, aber immerhin für Dich.
Wenn Du vor diesem Hinspüren Respekt hast und das nicht für Dich alleine tun möchtest schreib mir gerne (astrid@lebensnarben.de) und wir gehen das gemeinsam an, damit sich das nächste Ostern anders für Dich anfühlen kann.
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