Medaille

Es gibt Momente im Leben, die eigentlich nur eines sein sollten: überwältigend. Ein großes Ziel ist vielleicht endlich erreicht oder ein Lebenstraum hat sich erfüllt. In jedem Fall ein besonderer Höhepunkt des Lebens.

Und doch erleben wir Menschen manchmal genau in solchen Momenten etwas anderes: Eine Schwere und Gedanken, die nicht wirklich zum Anlass passen wollen. Wir freuen uns über den Erfolg und er ist viel wert für uns, aber plötzlich steht da auch noch etwas Altes, Unverarbeitetes mit auf dem „Siegerpodest“.

Die Inhalte von diesem Blog

  1. Ein Triumph und ein unerledigter Abschied
  2. Verlust ohne Tod – und ohne Ritual
  3. Wenn Lebensnarben im falschen Moment auftauchen
  4. Warum ungelebte Abschiede so wirksam sind
  5. Integration statt Verdrängung
  6. Was wir daraus lernen können

Ein Triumph und ein unerledigter Abschied

So spricht zum Beispiel kurz nach dem größten Triumph seiner Karriere der Skispringer Philipp Raimund nicht nur über seinen Olympiasieg und seine Glücksgefühle, sondern auch über etwas ganz anderes, nämlich über eine, in diesem Kontext zerbrochene Freundschaft. Über einen Menschen, mit dem er Nähe geteilt hat, mit dem er zusammen trainiert hat, über Nähe, Vertrauen, gemeinsam verbrachte Zeit und Verbundenheit. Und eben über Täuschung, Trauer und einen Bruch, der nie wirklich geklärt wurde.

Was ihn dabei bis heute beschäftigt, ist nicht nur der Vorfall selbst, sondern das, was dabei ausgeblieben ist: Eine Entschuldigung, die er gebraucht hätte, ein klärendes Gespräch, einfach eine Anerkennung dessen, was da Wichtiges für ihn zerbrochen ist.

Diese Situation, die wir als Zuschauer bei den momentanen olympischen Spielen miterleben konnten, ist wieder ein gutes Beispiel dafür, welche Macht unverarbeitete Verluste und schmerzende Lebensnarben in unserem Leben haben können, dass sie selbst in solchen wichtigen Momenten die Oberhand gewinnen. Einfach dadurch, weil etwas wichtiges verloren gegangen ist und dieser Verlust keinen Abschluss gefunden hat.

Verlust ohne Tod – und ohne Ritual

Zerbrochene Freundschaften gehören zu den Verlusten, die gesellschaftlich kaum Raum bekommen. Es gibt keine Rituale, keine klare Sprache und kein gemeinsames Innehalten.

Stattdessen heißt es oft: „Das ist halt so.“ „Man wächst auseinander.“ „Konzentrier dich auf das Positive.“ Doch innerlich bleibt eine Verletzung zurück, ein Gefühl von Verrat oder Enttäuschung, das keinen Platz gefunden hat. Und genau solche, nicht betrauerten Verluste wirken weiter, auch dann, wenn das Leben scheinbar gut weitergeht.

Wenn Lebensnarben im falschen Moment auftauchen

Was an diesem Beispiel von Philipp Raimund sichtbar wird, ist das, was ich Lebensnarben nenne: Erfahrungen, die nicht integriert wurden, Verluste, die nicht betrauert werden durften und Abschiede, die nie wirklich stattgefunden haben. Sie verschwinden nicht einfach. Sie bleiben im Hintergrund, warten ab und melden sich manchmal ausgerechnet dann, wenn eigentlich alles gut sein sollte. Wenn eigentlich nur pure Freude oder Stolz angebracht wäre. Aber dann zeigt sich eben: So sehr wir auch versuchen sie wegzuschieben, sie lassen sich nicht verdrängen, denn sie wollen gesehen, angenommen und integriert werden.

Warum ungelebte Abschiede so wirksam sind

Ein nicht vollzogener Abschied bindet meist sehr viel emotionale Energie und hält eine Menge Fragen offen: Was ist da eigentlich genau passiert und warum? Wie hätten wir das anders lösen können? Warum tut es mir heute noch so weh? War alles davor dann eigentlich wahr oder doch nur eine Täuschung?

Solange diese Fragen keinen Raum bekommen, bleibt der Verlust aktiv. Und er kann selbst die hellsten Momente überlagern, denn was nicht integriert ist, wirkt weiter.

Integration statt Verdrängung

Allerdings geht es dabei nicht darum, alte Wunden immer wieder aufzureißen und in der Vergangenheit herumzuwühlen. Dafür hat niemand Zeit und Nerven und das wäre ja auch nicht hilfreich. Und es geht auch nicht darum, Erfolge kleinzureden, sondern es geht darum zu verstehen, dass Freude und Trauer nebeneinander existieren können. Dass ein großer Triumph nicht automatisch alte Verluste heilt und dass man niemandem einen Gefallen tut, wenn man verlangt, alles andere in solchen Momenten auszublenden.

Erst wenn ein Verlust innerlich eingeordnet wird, wenn anerkannt wird, dass etwas Bedeutung hatte und schmerzhaft geendet ist, kann er seinen Platz finden – gesehen, gewürdigt und gesund integriert in die eigene Lebenserfahrung.

Was wir daraus lernen können

Das Beispiel ist eines von vielen, was eindrücklich zeigt: Nicht gelebte Abschiede verschwinden nicht durch irgendeinen anderen, den Schmerz überlagernden Erfolg, sondern sie brauchen unabhängig davon eigene Würdigung. Lebensnarben entstehen nun mal sehr viel dort, wo Erfahrungen keinen Abschluss finden und zeigen sich dann nicht nur in Krisen, sondern manchmal genau dann, wo wir sie am wenigsten erwarten.

Vielleicht ist das auch eine Einladung an Dich, mal genauer hinzuschauen:

  • Welche Verluste begleiten mich noch?
  • Welche Abschiede habe ich einfach ausgeblendet?
  • Und wo überlagern sie mein Erleben bis heute?

 

Der größte Triumph kann nur dann wirklich gefühlt werden, wenn das, was ihn vielleicht innerlich überschattet, auch gesehen werden darf. Denn nicht alles, was endet, stirbt, aber es geht trotzdem vieles dabei verloren. Und erst wenn wir diesen Verlusten Raum geben, verlieren sie die Macht, uns ausgerechnet in den schönsten Momenten unseres Lebens einzuholen.

 

Hallo, ich bin Astrid.

Ich bin die, die zuhört. Die fragt. Die mit Dir aushält, was gerade schwer ist, ohne Ratschläge und ohne Urteile.

Trauer und Verluste gehören zum Leben dazu, auch abseits von Tod und Sterben. Ich weiß, wie sehr sie belasten können und wie wichtig es ist, dass jemand da ist, der Dich ernst nimmt, Deine Gefühle mitträgt und mit Dir gemeinsam neue Perspektiven entwickeln kann.

Ich kann Dir Deine Trauer nicht abnehmen. Aber ich kann Dir helfen, sie ein kleines Stück leichter tragen zu können. Mit Worten, mit Bildern, mit Impulsen. Damit wieder Raum entsteht in Deinem Leben: Für mehr Lebendigkeit, Leichtigkeit, Freude und neues Vertrauen. 💜

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Astrid von Prondzinski

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