Weltkrebstag

Der heutige Weltkrebstag ist einer dieser Tage, die für viele Menschen abstrakt bleiben und für andere sofort etwas im Inneren berühren. Für mich gehört er zur zweiten Kategorie. Mein Vater hatte eine lange Krebsgeschichte. Viele Jahre, viele Therapien, viele Hoffnungen und viele Rückschläge. Am Ende ist er an dieser Erkrankung gestorben.

Eine meiner engsten Freundinnen lebt seit einiger Zeit mit der Diagnose eines Gehirntumors.
Er konnte operiert werden – aber leider nicht vollständig. Seitdem begleitet sie das Wissen, dass er jederzeit wieder wachsen kann.

Zwei sehr unterschiedliche Geschichten. Und doch verbinden sie etwas Wesentliches: Die Erfahrung, wie sehr eine Krebsdiagnose das Gefühl von Sicherheit erschüttert – nicht nur bei den Betroffenen selbst, sondern auch bei all denen, die ihnen nahestehen.

 

Die Inhalte von diesem Blog

  1. Die Frage, die fast immer kommt
  2. Viele mögliche Ursachen für Krebs
  3. Ein alter Mythos
  4. Was hinter dem „Warum“ steckt
  5. Ein kleines Experiment
  6. Ein Wort an die Angehörigen

 

Die Frage, die fast immer kommt

Wenn ein Mensch eine Krebsdiagnose bekommt, taucht, neben Schock, Angst und Überforderung auch fast immer eine Frage auf, die sich oft richtig gehend festbeißt:

„Warum ich?“
„Was habe ich falsch gemacht?“
„Was hat das ausgelöst?“

Ich verstehe diese Frage gut – das war bei meinem Vater, als er seine Krebsdiagnose bekam, nicht anders und auch ich habe mich dabei erwischt, mich das stellvertretend für meine Freundin zu fragen, als bei ihr der Hirntumor diagnostiziert wurde. Auch in meinen Coachings sind diese Fragen immer mal wieder aufgetaucht. Wir Menschen suchen den Sinn, wenn etwas so Bedrohliches in unser Leben bricht. Und weil wir uns an der Hoffnung festhalten möchten, dass wir – wenn wir nur den Grund finden – wieder Kontrolle bekommen. Nur ist genau das der Punkt, an dem viele in eine Sackgasse geraten.

Krebs hat viele mögliche Ursachen – und oft keine einzige „Schuldige“

Bei der Entstehung von Krebs spielen verschiedene Einflüsse eine Rolle. Vererbung kann beteiligt sein. Lebensstilfaktoren wie Rauchen oder Alkohol erhöhen bei manchen Krebsarten das Risiko. Bestimmte Infektionen gelten ebenfalls als Risikofaktoren. Und trotzdem lässt sich bei den meisten Krebserkrankungen keine einzelne Ursache eindeutig zuordnen. Es gibt Zusammenhänge, Wahrscheinlichkeiten und Risikofaktoren, aber selten den einen klaren „Auslöser“. Diese Ungewissheit lässt Raum für Spekulationen. Und genau da kommt ein Mythos ins Spiel, der sehr hartnäckig ist.

Ein alter Mythos: „Krebs kommt von Stress und seelischer Belastung“

Ich höre immer wieder:

„Bestimmt hat das mit Stress zu tun.“
„Das ist doch die Psyche.“
„Da steckt sicher etwas Unverarbeitetes dahinter.“

Diese Vorstellung ist uralt. Schon Hippokrates dachte, melancholische Menschen würden eher erkranken. Und sie hat sich gehalten – vielleicht, weil sie so verführerisch klingt, denn wenn die Psyche schuld ist, müsste man ja „nur“ innerlich etwas verändern, dann wäre alles wieder kontrollierbarer. Aber: Dafür gibt es keine klaren wissenschaftlichen Belege.

Große Übersichtsarbeiten finden zwar einzelne Hinweise auf Zusammenhänge, aber kein eindeutiges „Stress verursacht Krebs“ als einfache Kausalkette. Die Datenlage ist widersprüchlich und insgesamt schwach. Neuere biologische Forschung schaut zwar auf Stressmechanismen im Körper, aber auch da wird eher über mögliche Einflüsse auf Verlauf/Immunsystem diskutiert – nicht über einen klaren Auslöser. Was man also seriös sagen kann, ist: Stress kann das Leben schwer machen. Er kann Auswirkungen auf Schlaf, Verhalten, Immunsystem, Heilung haben. Aber er ist nicht der simple Grund, warum jemand Krebs bekommt.

Warum ist mir das so wichtig? Weil dieser Mythos etwas in Menschen anrichtet, die ohnehin schon genug tragen müssen. Er erzeugt Schuld. Oder den Druck, jetzt „richtig“ fühlen und leben zu müssen, um zu überleben. Und das ist eine zusätzliche Last, die niemand braucht.

Hinter dem „Warum“ steckt oft ein Kontrollwunsch

Wenn wir fragen „Warum habe ich Krebs?“, steckt häufig auch noch etwas anderes dahinter, nämlich: Wenn ich den Grund kenne, kann ich etwas tun, um es zu kontrollieren. Das ist absolut nachvollziehbar. Krebs fühlt sich an wie eine Macht, die über uns hinwegrollt. Und unser Inneres sucht nach einem Hebel. Aber manchmal führt diese Suche dann genau in den Sumpf der Selbstanklage:

„Hätte ich anders gelebt…“
„Hätte ich weniger Stress gehabt…“
„Hätte ich mehr Grenzen gesetzt…“
„Hätte ich früher Nein gesagt…“

Das klingt nach einer selbstreflektierenden Suche, nach Verantwortung, ist aber oft nur ein gut verkleideter und wie ich finde, grausamer Druck.

Ein kleines Experiment: Der Satz „Ich bin verletzlich“

Stattdessen arbeite ich im Coaching oft mit kleinen Experimenten, um etwas sichtbar zu machen, das im Kopf nicht greifbar wird. So bitte ich meine Klienten beispielsweise die Augen zu schließen und nur einen Satz zu sagen, wie zum Beispiel „Ich bin verletzlich.“

Und wie so oft: Wenn ein Satz dann tatsächlich ein Lebensthema trifft, entsteht als erst Reaktion keine Zustimmung, sondern erst einmal heftiger Widerstand. Körperlich und/oder emotional. Unruhe, Spannung und ein inneres Nein wird dann erst einmal ganz deutlich, denn oft herrscht ein starker Glaubenssatz vor, so wie auch bei meinem Vater: „Wenn ich nur ja alles richtig mache, dann bleibt das Leben auch kontrollierbar.“

Krebs hat diese Illusion zerbrochen – auch bei ihm. Und ja, das tut weh. Weil es uns an unsere menschliche Grenze erinnert: Leben an sich ist ein Geschenk, aber eines ohne Retourenschein und ohne grundsätzliche Kontrolle.

Ein Wort an die Angehörigen

Eine Krebsdiagnose betrifft nie nur eine Person. Sie verändert auch das Leben derjenigen, die ihnen nahestehen.
Als Angehörige geraten viele Menschen in eine besondere, oft sehr einsame Rolle: Sie wollen stark sein und Halt geben. Nicht zusätzlich belasten. Und gleichzeitig sind sie selbst voller Angst, Ohnmacht und Fragen. Auch Angehörige stellen sich das „Warum“.

Manchmal nur ganz versteckt, allein für sich, manchmal auch bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit quälend laut. Und nicht selten entsteht dabei ein zusätzlicher innerer Druck:

Habe ich etwas übersehen?ii
Hätte ich früher etwas merken müssen?
Hätte ich etwas verhindern können?

Diese Gedanken sind menschlich. Aber sie sind genauso wenig hilfreich wie die Selbstanklagen der Erkrankten.
Deshalb ist das, was auch die Angehörigen oft am meisten brauchen, nicht noch mehr Wissen oder To-Do Listen, sondern ebenfalls einen Ort, an dem sie nicht stark sein müssen. An dem auch ihre Erschöpfung, ihre Angst und ihre Trauer Platz haben dürfen. Denn auch das Begleiten ist eine Form von Belastung und auch Angehörige haben ein Recht darauf, nicht alles allein tragen zu müssen.

In meiner Begleitung arbeite ich deshalb nicht nur mit Erkrankten selbst, sondern auch mit Angehörigen und mit dem, was diese oft still im Hintergrund mittragen.

Was Coaching und Begleitung in dieser Situation leisten kann – und was nicht

Ich kann keinem Klienten die Frage beantworten, warum er Krebs hat. Und ich bin auch überzeugt davon, niemand kann das wirklich letztendlich. Aber ich kann etwas anderes tun: Ich kann helfen, mit der Ungewissheit zu leben, ohne dass sie einen auffrisst.

Coaching und Begleitung kann nicht den Krebs erklären. Aber es kann begleiten bei Fragen wie:

• Wie gehe ich mit Ohnmacht um?
• Wie halte ich Angst aus, ohne völlig darin zu ertrinken?
• Wie finde ich Halt, auch wenn ich keine Antworten habe?
• Was bedeutet Verletzlichkeit für mich – und wie komme ich damit in Frieden?

Und manchmal ist die wichtigste Bewegung eben nicht „die richtige Antwort finden“, sondern aufzuhören, sich selbst für etwas verantwortlich zu machen, das einfach nicht kontrollierbar ist. Es gibt Krankheiten, für die wir keinen letztendlichen Grund finden und Krebs gehört definitiv in der Regel dazu. Das ist schwer, keine Frage. Als Menschen sind wir Sinn suchende Wesen. Und Ungewissheit hat etwas Bedrohliches.

Aber ich möchte Dir – falls du gerade in so einer Frage steckst – etwas aus meiner tiefsten Überzeugung mitgeben: Du hast nicht Krebs, weil Du falsch gelebt hast, irgendetwas „nicht richtig“ gemacht hast und auch nicht, weil Du „Deine Themen“ nicht gelöst hast. Du bist einfach verletzlich, weil Du ein Mensch bist. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Und wenn Du Dir Begleitung wünschst, um mit all dem – mit Angst, Widerstand, Sinnsuche und Ohnmacht – nicht alleine zu sein, dann ist das nicht irgendein Luxus, sondern ein Weg, wieder Boden unter den Füßen zu spüren, auch ohne eine endgültige Antwort zu erhalten.

 

Wenn Du mehr von solchen Gedanken lesen möchtest: Hier geht es zu meinen weiteren Blogartikeln.

Hallo, ich bin Astrid.

Ich bin die, die zuhört. Die fragt. Die mit Dir aushält, was gerade schwer ist, ohne Ratschläge und ohne Urteile.

Trauer und Verluste gehören zum Leben dazu, auch abseits von Tod und Sterben. Ich weiß, wie sehr sie belasten können und wie wichtig es ist, dass jemand da ist, der Dich ernst nimmt, Deine Gefühle mitträgt und mit Dir gemeinsam neue Perspektiven entwickeln kann.

Ich kann Dir Deine Trauer nicht abnehmen. Aber ich kann Dir helfen, sie ein kleines Stück leichter tragen zu können. Mit Worten, mit Bildern, mit Impulsen. Damit wieder Raum entsteht in Deinem Leben: Für mehr Lebendigkeit, Leichtigkeit, Freude und neues Vertrauen. 💜

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Astrid von Prondzinski

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