
Der 11. März ist so ein Datum, das sicherlich immer noch für eine Vielzahl an Menschen mit einem kollektiven Schock verbunden ist. Am 11. März 2011 erschütterten ein schweres Erdbeben, ein Tsunami und die Reaktorkatastrophe von Fukushima die Welt. Die Bilder der Explosionen, die Angst vor radioaktiver Verseuchung, die hilflosen Kommentare von Experten hat sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt.
Für mich ist dieses Datum noch aus einem ganz anderen Grund unauslöschlich, denn am 11. März 2011 ist meine Tochter geboren worden. Sie wird heute 15 Jahre alt.
Die Inhalte von diesem Blog
- Ein Moment, zwei Wirklichkeiten
- Die Gleichzeitigkeit der Gefühle
- Trauer ist nicht eindimensional
- Warum diese Ambivalenz so schwer auszuhalten ist
- Was Trauer hier braucht
- Eine Einladung
Ein Moment, zwei Wirklichkeiten
Ich erinnere mich sehr genau an diesen Tag. An das Gefühl, aus dem Kreißsaal zu kommen – erschöpft, überwältigt und glücklich – und ein gesundes Neugeborenes im Arm zu halten. Und ich erinnere mich genauso genau daran, wie ich später auf die Station gebracht wurde und mitbekam, dass in fast jedem Zimmer der Fernseher lief, mit den immer gleichen Bildern und den gleichen Schlagzeilen. Denselben Stimmen, die von Explosionen, Kernschmelze und unkontrollierbaren Folgen sprachen. Und ich saß da mit meinem frischgeborenen Kind im Arm und hatte bei aller Dankbarkeit auch die Frage im Kopf „in was für eine Welt hatte ich dieses Kind da gerade hineingeboren?“
Dieses kollektive Entsetzen, was auch im ganzen Krankenhaus herrscht, diese Untergangsstimmung, diese massive Bedrohung, die sich über die Bildschirme in den Raum drängte, war extrem und für mich und mein Nervensystem zutiefst widersprüchlich.
Die Gleichzeitigkeit der Gefühle
Große Freude, tiefe Dankbarkeit, einfach nur das Bedürfnis nach Ruhe und Ankommen in der Situation und gleichzeitig ganz viel Angst, Entsetzen und Hilflosigkeit. Diese Gleichzeitigkeit hat mich damals heftig irritiert, es kam ein merkwürdiges Gefühl auf, als dürfe ich jetzt gar nicht glücklich sein, während an einem anderen Ort die Welt gerade aus den Fugen geriet und gefühlt teilweise unterging.
Heute weiß ich: Solche Gefühlsambivalenzen sind nicht ungewöhnlich. Sie tauchen vor allem bei extremen Lebensereignissen immer wieder auf, gerade in Situationen von Trauer, Verlust oder eben kollektiver Erschütterung.
Trauer ist nicht eindimensional
Oft haben wir ein sehr vereinfachtes Bild von Gefühlen, so als müssten sie immer vollkommen klar, eindeutig und irgendwie sortierbar sein. Freude hier, Trauer dort. Hoffnung oder Angst. Entweder – oder.
Doch das entspricht weder unserer inneren Realität noch dem, was Trauer tatsächlich ist. Trauer ist mehrschichtig und sie verträgt Widersprüche. Es ist möglich und in dieser Zeit auch nicht ungewöhnlich
• zu lieben und gleichzeitig wütend zu sein
• dankbar zu sein und trotzdem tief zu trauern
• Neues zu begrüßen und Altes zu betrauern
• Freude zu empfinden, ohne deshalb irgendwie den Schmerz zu verraten
Kollektive Katastrophen verstärken diese Ambivalenz. Ereignisse wie Fukushima wirken nicht nur politisch oder medial, wie jetzt gerade auch wieder in Zeiten von Kriegen und Angriffen, sondern sie konfrontieren uns mit Verletzlichkeit, Fassungslosigkeit, Kontrollverlust, Endlichkeit und der Erkenntnis, dass es Sicherheit nicht wirklich gibt bzw. diese zumindest sehr fragil ist. Wenn solche kollektiven Erschütterungen mit persönlichen Lebensereignissen zusammenfallen, entsteht darüber hinaus eine besondere innere Spannung.
Warum diese Ambivalenz so schwer auszuhalten ist
Diesen widersprüchliche Gefühlen versuche die meisten Menschen irgendwie auszuweichen oder aber ganz schnell aufzulösen bzw. fangen sie an, sich dafür zu bewerten „ich weiß ja, dass das eigentlich Quatsch ist…“ Doch genau das verstärkt oft nur den inneren Druck und das Gefühl der Trauer „nicht Herr zu werden“.
Was es deshalb vielleicht zu verstehen gilt ist, dass Ambivalenz in diesem Zusammenhang kein Zeichen von Überforderung oder persönlichem Versagen ist, sondern schlichtweg ein Ausdruck von Intensität und von Tiefe, denn das Leben ist in seinen Ausprägungen halt nie Schwarz oder Weiß und die Herausforderung besteht darin, alles zu leben und das eben auch manchmal gleichzeitig.
Was Trauer hier braucht
Trauer braucht nicht und will auch gar nicht, dass wir uns entscheiden. Sie braucht keinen eindeutigen Zustand. Was sie braucht, ist ein Raum dafür, dass trotz Trauer auch Freude da sein darf, ohne sich schuldig fühlen zu müssen, dass Schmerz da sein darf, ohne deshalb alles überschatten zu müssen, dass einfach beides nebeneinander existieren kann.
In der Begleitung von Trauernden ist genau das, davon bin ich überzeugt, oft ein zentraler Schritt – eben, je nach Kontext, die Gefühle nicht immer ordnen zu müssen, sondern sie auch einfach mal nebeneinander stehen lassen zu können. Trauer verlangt nicht, sich zu entscheiden, sondern sie mutet uns zu, mehr als ein Gefühl gleichzeitig zu tragen.
Der 15. Jahrestag von Fukushima erinnert an eine Katastrophe, deren Folgen bis heute spürbar sind. Darüber hinaus ist er für mich untrennbar verbunden mit dem Beginn eines neuen Lebens – im wahrsten Sinne des Wortes – und auch für mich ganz persönlich. Beides gehört zu meiner Erinnerung an diesen Tag und keines hebt das andere auf.
Eine Einladung
Wenn Du also merkst, dass widersprüchliche Gefühle in Dir Raum brauchen – Freude und Schmerz, Hoffnung und Angst, Dankbarkeit und Trauer – dann darfst Du für Dich annehmen, dass das zunächst einmal eine zutiefst menschliche Reaktion ist. Und darüber hinaus ist es für Dich vielleicht ein Zeichen, Dir diesen Raum auch endlich einmal selbst zu schenken. In meiner Arbeit mit Lebensnarben begleite ich genau diese Gleichzeitigkeit, mit genau dem Respekt für das, was nebeneinander bestehen darf. Kontaktiere mich gerne.





