„Rights. Justice. Action. For ALL Women and Girls das ist das Motto des diesjährigen Weltfrauentages. Angesichts der Lage in vielen Ländern der Erde hat dies eine ganz existenzielle, politische Dimension. Und auch bei uns gibt es viele politische Themen bis hin zu wieder steigender Gewalt gegen Frauen, auf die es zu schauen und die es zu benennen gilt.

Aber auch in meiner Arbeit als systemischer Verlust- und Trauercoach begegnen mir bei meinen Klientinnen immer wieder Themen, die sich ähneln und Erfahrungen, die sich wiederholen. Leisere, alltäglichere, aber dennoch Lebensnarben, die zwar niemand wirklich sieht, die aber viele Frauen tragen, weil sie in Strukturen leben, die sie tatsächlich oft mehr kosten, als nach außen in unserer Gesellschaft sichtbar wird.

Durch Systeme, die Care-Arbeit voraussetzen, aber nicht tragen, durch Erwartungen, die Anpassung belohnen und durch Ideale, die Perfektion verlangen.

 

Die Inhalte von diesem Blog

  1. Die nicht gelebten Leben
  2. Der berufliche Weg, der klein wird
  3. Mutterschaft – zwischen Glück und Krise
  4. Wenn Beziehungen brechen
  5. Care Arbeit – unsichtbar und selbstverständlich
  6. Körperliche Übergänge, die bagatellisiert werden
  7. Warum wir darüber sprechen müssen
  8. Mein Wunsch zum Weltfrauentag

 

Die nicht gelebten Leben

Viele Frauen haben irgendwann einen Punkt in ihrem Leben, an dem sie spüren: So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Die Auslöser dabei sind vielfältig. Karrieren, die man nicht verfolgen konnte, weil Teilzeit mit kleinen Kindern die einzige realistische Option war. Die Weiterbildung, die immer wieder verschoben wurde und das eigene Projekt, das nie wirklich die ganze Priorität bekam, bekommen konnte. Viele persönliche Lebensentwicklungen, auf die frau nicht vorbereitet war, geschweige denn gewollt waren und parallel dazu immer wieder die mahnende, innere Stimme: „Sei doch nicht so undankbar.“

Doch Dankbarkeit und Trauer schließen sich nicht aus. Aber wir sprechen selten darüber, dass beides gleichzeitig existieren kann – dass Ambivalenz menschlich ist.

 

Wenn der eigene berufliche Weg plötzlich kleiner wird

Viele Frauen sind mit großen Erwartungen ins Berufsleben gestartet. Sie haben studiert, Ausbildungen gemacht, sich engagiert, wollten gestalten, Verantwortung übernehmen, etwas bewegen. Lange schien der Weg auch klar.

Bis irgendwann die Kinderfrage auftauchte.

Und plötzlich zeigt sich, dass unsere Systeme zwar gern von Vereinbarkeit sprechen, sie aber oft nicht wirklich ermöglichen. Arbeitszeiten, Meetings, Karrierewege – sie sind meist für Menschen gebaut, die jederzeit verfügbar sein können. Für Mütter mit Kindern gilt das selten. Viele Frauen finden sich deshalb in einer Teilzeitrealität wieder, die sie nie geplant hatten. Sie hetzen mittags zur Kita oder Schule, während Kollegen noch im Meeting sitzen. Sie hören ironische Bemerkungen wie: „Hast du schon wieder Feierabend?“ Sie können an wichtigen Besprechungen nicht teilnehmen, werden bei Beförderungen übergangen oder schlicht nicht mehr mitgedacht. Und dies leider immer noch, auch wenn sich bei diesem Thema sicherlich schon einiges getan hat, aber diese geschilderten Erfahrungen der Frauen sind aktuell.

Mit den Jahren wächst ein Gefühl, das schwer auszusprechen ist: Das Gefühl, unter den eigenen Möglichkeiten zu bleiben. Und das eben nicht, weil ihnen Fähigkeiten fehlen, sondern weil die Strukturen sie schlichtweg ausbremsen. Doch diese Trauer darf oft nicht existieren. Viele Frauen schämen sich sogar dafür. Schließlich haben sie doch gesunde Kinder. Wäre es da nicht undankbar, den eigenen beruflichen Verlust überhaupt zu betrauern?

So wird weiter funktioniert, weiter organisiert und weiter zurückgesteckt.

Nur honoriert wird dieses jahrelange Zurückstellen selten. Im Gegenteil: Oft zeigt sich erst viele Jahre später – etwa beim Rentenbescheid  – , wie teuer diese stillen Kompromisse tatsächlich waren. Auch das ist ein stiller Verlust. Ein Verlust von Möglichkeiten, von Anerkennung und von gelebtem Potenzial.

 

Mutterschaft – zwischen Glück und Krise

Heftige Geburtserlebnisse, die so ganz anders verliefen als erhofft. Kinderwunschbehandlungen, die Kraft, Zeit und Hoffnung kosten – und am Ende vielleicht doch nicht zum ersehnten Kind führen.

Das sind keine Randthemen. Das sind tiefe Eingriffe in Identität und Selbstverständnis. Und trotzdem wird häufig erwartet, dass Frauen in diesen Kontexten wie gewohnt „funktionieren“, weitermachen, im Job weiterfunktionieren, als wenn nichts gewesen wäre, sich halt einfach „zusammenreißen“. Doch Körper erinnern sich. Und Seelen auch.

Und selbst wenn Mutterschaft dann gelingt und erfüllend gelebt werden kann, bleibt sie nicht statisch, denn da kommt irgendwann die Phase, die man inzwischen so nüchtern und neudeutsch „Empty Nest“ nennt. Die Kinder gehen. So wie es gedacht war und so wie man es sich ja auch für sie gewünscht hat. Schließlich war Selbstständigkeit ja die ganze Zeit das Ziel. Und doch ist da für viele Frauen ein tiefer Einschnitt. Plötzlich wird man weniger gebraucht, ist das, wofür man jahrelang auch im Job zurückgesteckt hat, nicht mehr wichtig. Der Alltag verändert sich radikal und die Räume werden oft verdammt still.

Auch hier wird gesellschaftlich erwartet, dass man das souverän wegsteckt. „Genieß doch die Freiheit.“ „Jetzt hast Du doch wieder Zeit für Dich.“ Und ja – das stimmt natürlich auch. Aber gleichzeitig ist da nun mal auch diese stille Trauer darüber, irgendwie nicht mehr gebraucht zu werden, eine Rolle loszulassen, die über Jahre Identität war und zu spüren, dass ein Lebensabschnitt endgültig vorbei ist. Weil man sich nicht lächerlich machen möchte, weil es ja „normal“ ist, wird diese Trauer oft nicht ausgesprochen.

Doch normal heißt nicht leicht. Auch das ist eine Lebensnarbe.

 

Wenn Beziehungen brechen

Und dann sind da noch die Geschichten, in denen Partner gehen. Weil das Leben mit Kindern zu anstrengend wurde. Weil eine jüngere Frau attraktiver erschien. Weil Verantwortung plötzlich schwerer wiegt als Freiheit. Zurück bleiben Frauen, die nicht nur eine Beziehung oder eine Ehe verlieren, sondern in diesem Zusammenhang oft auch Sicherheit, Zukunftsentwürfe, Stabilität und vor allem finanzielles Auskommen. Aber die gleichzeitig funktionieren müssen, für die Kinder und für den Alltag.

Und Beziehungen brechen nicht nur in Partnerschaften.

Im Laufe eines Lebens gehen oft auch familiäre Bindungen und wichtige, langjährige Freundschaften auseinander. Manchmal leise, einfach weil Lebensrealitäten sich auseinanderentwickeln, Kinder hier, Karriere dort, Pflege hier, Aufbruch dort.

Manchmal gehen sie aber auch gar nicht leise, sondern mit tiefen Verletzungen, großen Enttäuschungen und eisiger Sprachlosigkeit. Für viele Frauen ist Familie und der Kreis ihrer Freundinnen kein „nice to have“, sondern er ist ein zentraler emotionaler Raum. Wenn dieser Raum wegbricht, ist das deshalb auch mehr als ein „Luxusproblem“. Es ist ein richtig herber Verlust – doch auch diese Verluste werden selten betrauert. Stattdessen gelten sie übergreifend als normaler Lauf der Dinge und etwas, was man eben nebenbei mit sich selbst ausmacht.

Aber normal heißt eben nicht harmlos. Auch das sind Lebensnarben.

 

Care-Arbeit – unsichtbar und selbstverständlich

Ein weiterer unsichtbarer Raum im Leben von vielen Frauen ist die sogenannte Care-Arbeit. Organisieren, mitdenken, emotional begleiten – non stop und das 24/7. Und später dann oft noch zusätzlich: Die Pflege der alten Eltern oder Schwiegereltern.

Viele Frauen erleben hier eine doppelte Belastung – körperlich und emotional. Denn die Pflege ist nicht einfach nur Medizin und Organisation. Sie ist auch eine permanente Konfrontation mit Vergänglichkeit, mit einer verschobenen Rollenverteilung, mit einem Abschied auf Raten und doch wird sie gesellschaftlich oft behandelt wie eine Selbstverständlichkeit.

Was das hinterlässt? Erschöpfung, manchmal stille Wut und oft eine Trauer, für die es keinen Platz, geschweige denn ein Ritual gibt.

 

Körperliche Übergänge, die bagatellisiert werden

Wechseljahresbeschwerden, Zyklusschwankungen, Erschöpfung. Wie oft hören Frauen in diesem Zusammenhang Sätze wie: „Das ist halt so, da muss man (!) durch.“ Aber hormonelle Umbrüche sind nicht nur körperlich, sie sind tatsächlich existenzielle Einschnitte, denn sie markieren eine Vielzahl von Abschieden. Von der eigenen Fruchtbarkeit, von bestimmten Selbstbildern und von einem Körper, der sich vertraut angefühlt hat und der einen jetzt so häufig im Stich lässt.

Auch hier entsteht Trauer.

Warum wir darüber sprechen müssen

Wie gesagt: Dieser Text ist weder Vorwurf noch Pauschalisierung. Er ist eine Einladung zum Hinsehen. Viele Frauen bewältigen ihren Alltag in dauerhafter Anpassung, sie funktionieren und leben jeden Tag mit einem tief verinnerlichten „Ich schaffe das schon“.

Nicht gelebte Versionen von sich selbst, nicht betrauerte Abschiede und nicht ausgesprochene Enttäuschungen werden beiseitegeschoben und bleiben oft bis ins hohe Alter oder bis zum Ende unerzählt, ungesehen und unbetrauert.

Und deshalb möchte ich an diesem Weltfrauentag einmal genau diese Narben, diese Ambivalenzen und diese oft sehr leise und ja trotzdem vorhandene Trauer würdigen. Wie gesagt, nicht alles davon gilt für jede Frau. Aber vieles davon ist strukturell geprägt und wir können keinen neuen Umgang damit entwickeln, wenn wir nicht auch die ganze normale Lebensrealität von vielen Frauen an diesem Weltfrauentag thematisieren.

 

Mein Wunsch zum Weltfrauentag

Dass Frauen nicht nur sichtbarer werden, sondern auch ihre Verluste sichtbarer machen. Dass sie ihre Erschöpfung nicht bagatellisieren, ihre Trauer nicht relativieren und ihre Ambivalenz nicht pathologisieren. Und dass wir aufhören, Stärke nur an Leistung zu messen. Sich einzugestehen, dass etwas wehgetan hat und dass diese Erfahrung Teil der eigenen Lebensnarben geworden ist – das ist stark.

Wenn Du Dich in Teilen dieses Textes wiedererkennst, dann nimm das bitte also nicht als Bestätigung Deiner persönlichen Problemsammlung, die „doch der Rede nicht wert ist, angesichts dessen, was es sonst noch an Schicksalen gibt“, sondern nimm es vielleicht als Hinweis darauf, dass da etwas in Dir ist, das gesehen werden darf und auch gesehen werden möchte.

„So hatte ich mir das nicht vorgestellt.“ „Das hat mich mehr gekostet, als ich zugeben wollte.“ „Ich trauere um etwas, das eigentlich keiner so richtig mitbekommen hat.“ Wenn wir anfangen, das mal tatsächlich auszusprechen, verändert sich etwas. In jedem Fall im Inneren und langfristig vielleicht auch im Außen.

 

 

Foto: by

instagram.com/caleidoskop

 

Hallo, ich bin Astrid.

Ich bin die, die zuhört. Die fragt. Die mit Dir aushält, was gerade schwer ist, ohne Ratschläge und ohne Urteile.

Trauer und Verluste gehören zum Leben dazu, auch abseits von Tod und Sterben. Ich weiß, wie sehr sie belasten können und wie wichtig es ist, dass jemand da ist, der Dich ernst nimmt, Deine Gefühle mitträgt und mit Dir gemeinsam neue Perspektiven entwickeln kann.

Ich kann Dir Deine Trauer nicht abnehmen. Aber ich kann Dir helfen, sie ein kleines Stück leichter tragen zu können. Mit Worten, mit Bildern, mit Impulsen. Damit wieder Raum entsteht in Deinem Leben: Für mehr Lebendigkeit, Leichtigkeit, Freude und neues Vertrauen. 💜

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Astrid von Prondzinski

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