
Wenn wir Lebensnarben verstecken, einfach nur weiter funktionieren und so tun, als wäre nicht wirklich etwas passiert und grundsätzlich nach wie vor immer „alles nur gut “ ist, zahlen wir dafür irgendwann einen Preis. Meist einen gar nicht so geringen und das sowohl körperlich, als auch seelisch und sozial.
Der in der letzten Zeit sehr öffentlich diskutierte Fall von Thomas Gottschalk beispielsweise, hat das auf sehr heftige Weise sichtbar gemacht: Erst nach sehr irritierenden Auftritten sprach er offen über seine Krebsdiagnose und die schweren Operationen, die starke Medikation und deren Nebenwirkungen. Er sagte, er habe trotz allem weitere Auftritte absolviert, weil er „alte Schule“ sei und Verpflichtungen hätte erfüllen wollen – und weil er Angst vor Häme und Abwertung hatte.
Die Details in diesem Fall sind sicherlich individuell, die Dynamik dahinter aber ist kollektiv. Viele Menschen kennen sie – nur eben ohne Bühne.
Die Inhalte von diesem Blog
- Die Kosten des „Alles ist gut“ Modus
- Wir verlieren unsere Sprache für Schmerz
- Das öffentliche Beispiel: Thomas Gottschalk und die „alte Schule“
- Die unsichtbare Logik dahinter: Scham und Rollenloyalität
- Was stattdessen trägt: Annehmen statt Ankämpfen
Die Kosten des „Alles ist gut“-Modus
Es gibt diesen Reflex, der uns schon früh beigebracht wird:
„Reiß Dich zusammen.“
„Nur die Harten kommen in den Garten.“
„Belaste niemanden.“
„Zeig Dich nicht schwach.“
Das Problem dabei ist nicht, dass wir manchmal einfach funktionieren müssen weil das Leben weitergehen muss, sondern das Problem ist, wenn das Funktionieren zur Identität wird. Wenn wir Narben verstecken, Schmerzen überspielen und uns selbst nur noch im „Weiter“-Modus erleben, verlieren wir über die Zeit etwas ganz Entscheidendes, nämlich den wirklichen Kontakt zu uns selbst. Nach außen lächeln, nach innen angezählt, zerissen und unsicher. Je öfter wir das tun, desto stärker gewöhnen wir uns daran, uns selbst nicht mehr zu spüren. Und wenn wir nicht spüren, wann etwas zu viel ist, merken wir es erst dann, wenn der Körper oder die Psyche „Stopp“ ruft.
Wir verlieren unsere Sprache für Schmerz
Wer lange so tut, als wäre immer alles gut, verlernt irgendwann, sich mitteilen zu können. Nicht aufgrund mangelnder Worte, sondern als Reaktion des Nervensystems. Und irgendwann fühlt sich der eigene Schmerz nicht mehr sagbar an. Stattdessen äußert er sich in merkwürdigem Verhalten oder körperlichen Symptomen.
Das Verstecken von Narben ist darüber hinaus nicht nur ein persönlicher Akt. Er hält auch andere auf Abstand. Denn echte Nähe entsteht nur dort, wo wir mit allem, was uns ausmacht, sichtbar werden und eben nicht dort, wo wir immer nur versuchen perfekt zu sein bzw. ein perfektes Bild abzuliefern.
Das öffentliche Beispiel: Thomas Gottschalk und die „alte Schule“
Thomas Gottschalk hat jetzt öffentlich gemacht, dass er an einem seltenen, aggressiven Tumor erkrankt ist, schon vor einiger Zeit operiert wurde und seitdem starke Opiate nimmt. In den Wochen vor seinem Statement wirkten einige seiner Auftritte verwirrt, desorientiert, mit zitternder Stimme, was viele Menschen irritiert hat und teilweise in heftigen Spott umgeschlagen ist. Es stellt sich die Frage: Warum hat er nach so einem Schicksalsschlag, nach diesem völlig überraschenden Verlust seiner Gesundheit und Lebenssicherheit, seine Auftritte nicht einfach abgesagt? Er sagte dazu sinngemäß: „Ich hatte Angst vor Häme, wenn ich schwach wirke“, „mein Pflichtgefühl, die „alte Schule“ war für mich wichtiger“ und „der Versuch, Medikamente weniger zu nehmen, um leistungsfähig zu bleiben, weiter „abliefern“ zu können, hat leider nicht funktioniert“.
Darüber kann man urteilen. Oder man kann das sehen, was dahinter liegt, nämlich ein Mensch, der versucht, seine Verletzlichkeit zu verstecken, um sein Bild und sein Image zu wahren. Und genau das kennen doch die meisten von uns selber – nur eben ohne Scheinwerfer.
Die unsichtbare Logik dahinter: Scham und Rollenloyalität
Dieses unbedingte „weiter funktionieren wollen“, obwohl man längst erschöpft ist, hat viel zu tun mit
Scham
„Wenn ich es zeige, bin ich zu schwach.“
„Dann denken die anderen schlecht über mich.“
„Dann werde ich zum Problem.“
Rollenloyalität
„Ich muss stark sein – für die Familie.“
„Ich darf nicht ausfallen – im Job.“
„Ich will nicht enttäuschen. – mein Umfeld“
„Ich bin doch die, die immer trägt.“
Diese Logik ist verständlich und nachvollziehbar Aber sie ist eben auch gefährlich. Denn sie formt für einem Menschen nur ein Ziel: „Ich muss wieder funktionieren,“ statt einem: „Ich darf erst einmal klarkommen und erst einmal gesund werden.“ Wer immer nur beweist, dass alles geht, lernt nicht mehr, sich auch einmal fallen lassen zu können und Hilfe anzunehmen. Und irgendwann fühlt sich genau das nur noch wie Scheitern an.
Die Wahrheit der eigenen Geschichte
Lebensnarben sind nicht peinlich und auch nichts, was wir möglichst gut verbergen sollten. Sie sind Erfahrung, gesammelte Erkenntnis und gelebte Realität. Wenn wir sie verstecken, verstecken wir auch einen wichtigen Teil unserer Identität und das „Warum“ wir der sind, der wir sind.
Hilfreiche Veränderung passiert nicht, wenn wir uns härter machen. Sie passiert, wenn wir uns erlauben, uns weicher und verletzlicher zu zeigen. Wenn wir anerkennen: „Ja. Das ist mir passiert. Und es hat mich geprägt.“ Nicht als Kapitulation vor irgendetwas oder irgendwem, sondern als Ausgangspunkt für die innere Entwicklung.
Was stattdessen trägt: Annehmen statt Ankämpfen
Auch bei Krankheit, Verlust oder anderweitiger Erschütterung geht es nicht zuerst darum, „dagegen anzukämpfen“, sondern darum, nach dem ersten Schock, der Verleugnung und der Achterbahn der Gefühle irgendwann das, was ist und was es mit mir gemacht hat, so liebevoll wie möglich annehmen zu können,. Denn „Annehmen“ heißt nicht gleichzeitig „gutheißen“, sondern „Annehmen“ heißt:
• Die Realität nicht mehr bekämpfen zu müssen
• Den eigenen Zustand würdigen zu können
• Den nächsten kleinen Schritt finden zu können, der „menschenmöglich“ ist
Auch bei Gottschalk ist diese Erkenntnis inzwischen gereift, denn einer seiner letzten öffentlichen Aussagen war: „Ich kann nicht mehr auftreten. Ich muss jetzt erst einmal gesund werden und dann will ich nur noch Zeit für meine Frau haben“ Und? Ist das jetzt ein peinlicher Rückzug? Ich finde nicht. Ich finde es ist ein wichtiger und sehr menschlicher Perspektivwechsel und ich persönlich hätte ihm diesen schon früher gewünscht.
Genau das sind auch die Gründe für und auch die Erkenntnisse aus der Arbeit von „Lebensnarben“:
1. Wenn Du nur noch funktionierst, ist das kein Beweis von Stärke, sondern definitiv ein Warnsignal.
2. Lebensnarben brauchen kein großes Drama und meistens auch keine Therapie, aber sie brauchen Würdigung und Raum.
3. Scham ist ein schlechter Coach. Er hält Dich nur im Außenbild fest.
4. Annehmen ist kein Aufgeben, sondern die wichtige Tür zur Veränderung.
5. Du musst nicht erst öffentlich (um) kippen, um Dir selbst zu glauben, dass das, was Du gerade trägst, wirklich schwer ist.
Vielleicht ist das die entscheidende Wahrheit hinter vielen Krisen:
Nicht der Schmerz an sich macht uns kaputt, sondern der Versuch, einfach über ihn hinwegzugehen.
Und wenn wir – wie Gottschalk – irgendwann die Karten auf den Tisch legen, merken wir: Es ist keine Schwäche, mit den eigenen Lebensnarben sichtbar zu werden. Es ist der Anfang, um wieder ganz werden zu können.





