
„Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Ein Sprichwort, das wir alle kennen und eines, das auch immer wieder gerne zitiert wird.
Und ja – es stimmt.
Nur vielleicht nicht ganz so pauschal und absolut, wie wir es meistens verwenden, denn Leid wird nicht automatisch leichter, nur weil wir es irgendwo abladen. Entscheidend ist, wo und bei wem wir das tun.
Die Inhalte von diesem Blog
- In Worte fassen, damit wir es fassen können
- Wenn Teilen zur zusätzlichen Belastung wird
- Warum professionelle Räume anders funktionieren
- Geteiltes Leid – ja. Aber bewusst.
- Ein Raum, in dem Du nichts halten musst
In Worte fassen, damit wir es fassen können
Es gibt einen Satz, den ich in meiner Ausbildung gelernt habe und den meine Arbeit auch seitdem gedanklich bestimmt: Wir müssen es in Worte fassen, damit wir es fassen können. Was sich sprachlich fast spielerisch anhört, ist neurobiologisch gut belegt, denn die Gehirnforschung zeigt: Wenn wir Gefühle benennen, verändert sich die Aktivität in unserem Gehirn.
Studien des Neurowissenschaftlers Matthew Lieberman (UCLA) zeigen, dass das sogenannte Affect Labeling – also das bewusste Benennen von Emotionen – die Aktivität in der Amygdala (dem „Alarmzentrum“ des Gehirns) reduziert. Gleichzeitig wird der präfrontale Cortex aktiviert, jener Bereich, der für Einordnung, Regulation und Reflexion zuständig ist. Vereinfacht gesagt: Wenn wir sagen können „Ich bin traurig“ oder „Ich habe Angst“, wird das Gefühl neurologisch regulierbarer.
Auch die Forschung von James Pennebaker zur „Expressiven Schreibtherapie“ zeigt seit Jahrzehnten: Menschen, die belastende Erlebnisse in Worte fassen – sei es im Gespräch oder schriftlich – zeigen langfristig bessere psychische und sogar körperliche Gesundheitswerte. Sprache strukturiert unser Erleben und geteiltes Erleben reguliert unser Nervensystem.
Unser Gehirn ist auf Co-Regulation angelegt und wir beruhigen uns nicht nur allein, sondern wir beruhigen uns vor allem im Kontakt.
Insofern stimmt es: Geteiltes Leid ist tatsächlich oft leichter zu tragen.
Aber: Nicht jeder kann Dein Leid halten
Aber hier kommt auch der entscheidende Punkt ins Spiel: Nicht jeder Mensch kann mit dem Leid eines anderen gut umgehen. Vielleicht kennst Du das auch: Manchmal teilst Du etwas – und plötzlich geht es nicht mehr um Dich, sondern um die Ängste des Anderen. „Oh Gott, das wäre mein Albtraum“ „Ich darf mir gar nicht vorstellen, dass mir das auch passiert“ oder „Ich könnte das nicht“.
Was bei Deinem Gegenüber berührt wird, hat oft nichts mit Dir zu tun. Es sind deren eigene, unbearbeitete Themen, deren eigene Ängste und deren eigene Abwehr, die sich in solchen Momenten zeigt und plötzlich sitzt Du da, und musst Dich zusätzlich um die Reaktion des Anderen kümmern.
Wenn Teilen zur zusätzlichen Belastung wird
Es gibt noch zwei weitere Dynamiken:
1. Du überforderst jemanden
Nicht jeder Mensch hat die innere Stabilität oder Erfahrung, um schwere Themen zu halten.
Manche geraten selbst in einen Betroffenheitsschock, manche ziehen sich zurück und manche reagieren sogar mit, für Dich gefühlt, respektlosen oder flapsigen Ratschlägen, einfach weil sie Hilflosigkeit nicht aushalten können. Und das wiederum macht auch wieder etwas mit Dir.
2. Du übernimmst wieder Verantwortung
Viele Menschen, die ohnehin viel tragen, fühlen sich plötzlich noch zusätzlich verantwortlich: „Jetzt habe ich sie mit runtergezogen.“ „Jetzt geht es ihm auch schlecht.“ „Ich wollte doch niemanden belasten.“ Und schon bist Du wieder in einer Rolle, in der Du funktionierst und Verantwortung übernimmst, statt selbst einmal einfach nur getragen zu werden.
Dann ist geteiltes Leid nicht halbes Leid. Dann ist es doppeltes.
Warum professionelle Räume anders funktionieren
Deshalb kann es sinnvoll sein, sehr bewusst zu wählen, mit wem Du Dein Leid teilst. Ein professioneller, neutraler Raum hat dabei einen entscheidenden Vorteil: Dort geht es nicht um die Ängste des Gegenübers. Nicht um dessen Geschichte und nicht um dessen innere Widerstände, sondern nur um Dich. Ein professioneller Begleiter hält Deine Gefühle aus, reguliert mit, bleibt selbst stabil, nimmt nichts persönlich und braucht auch keine Entlastung von Dir. Und vor allem: Du musst dort niemanden schützen.
Geteiltes Leid – ja. Aber bewusst.
Das Sprichwort stimmt also grundsätzlich, aber vielleicht braucht es eine Ergänzung: Geteiltes Leid ist halbes Leid, dann wenn es im richtigen Raum geteilt wird. Leid braucht Worte und Worte brauchen einen Ort, an dem sie ausgesprochen werden dürfen. Nicht überall ist dieser Ort gegeben und deshalb ist es auch kein Makel, kein peinliches Fehlen eines entsprechenden sozialen Netzwerks und auch kein persönliches Versagen, wenn Du Dir jemanden suchst, der professionell, neutral und stabil genug ist, um Deine Lebensnarben mit Dir anzuschauen.
Manches wird es leichter, wenn es ausgesprochen ist, aber es wird nicht durch jedes Ohr leichter.
Ein Raum, in dem Du nichts halten musst
Und deshalb ist es oft auch genau das, was viele Menschen unterschätzen: Dass nicht jedes Ohr ein sicherer Ort ist. Manches braucht einfach einen Raum, in dem Du Dich nicht erklären, nicht schützen und niemanden mittragen musst. Einen Raum, in dem Deine Worte nicht bewertet, relativiert oder aufgrund von eigenen Ängsten hinterfragt werden, sondern stattdessen wirklich gehalten.
Wenn Du also spürst, dass es guttäte, Dein Leid nicht länger allein oder im falschen Rahmen zu teilen, dann darfst Du mich gerne als professionelles Gegenüber nutzen. In meiner Praxis LEBENSNARBEN geht es nicht darum, irgendetwas „wegzumachen“, sondern es geht darum, es gemeinsam so anzuschauen, dass es für Dich einfacher, verstehbarer und lebbarer wird. Geteiltes Leid ist halbes Leid – wenn es im richtigen Raum geteilt wird.
Und genau dafür gibt es LEBENSNARBEN.
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