
Dieser Blogartikel ist trotz des heutigen Datums kein Aprilscherz , sondern die Frage ist wirklich ernst gemeint:
Weißt Du, wie man einen Affen fängt?
Dazu gibt es nämlich Versuchsanordnungen:
Man legt eine Belohnung in ein Gefäß. Die Öffnung ist groß genug, dass der Affe mit leerer Hand hineingreifen kann. Er bekommt die Leckerchen zu fassen, kein Problem. Aber: Sobald er die Belohnung fest umklammert, bekommt er die Hand nicht mehr heraus.
Er wäre also sofort frei, wenn er loslassen würde, aber er lässt nicht los. Und das nicht, weil er dafür zu dumm ist, sondern weil er mental blockiert ist. Gefangen in der Idee: „Ich muss das behalten.“ Und ich finde: Das ist ein ziemlich gutes Bild für uns Menschen in vielen Situationen und auch für uns Menschen bei drohenden Verlusten und der damit einhergehenden Trauer.
Die Inhalte von diesem Blog
- Wir wissen oft, dass Loslassen Freiheit bringen würde – und können es trotzdem nicht
- Warum wir festhalten, obwohl es uns einsperrt
- Was geschieht im Gehirn, wenn wir festhalten
- Was geschieht, wenn wir loslassen
- Loslassen heißt nicht vergessen. Loslassen heißt anerkennen
Wir wissen oft, dass Loslassen Freiheit bringen würde – und können es trotzdem nicht
Trauer hat fast immer eine Loslass-Seite. Egal, worum wir trauern. Nicht nur beim Tod.
Auch bei all den anderen Verlusten, die oft auch gleichzeitig auftreten, also beispielsweise, wenn Eltern alt werden und Du Dich von der Tochter- oder Sohnrolle verabschieden musst, wenn Kinder ausziehen und die eigene Elternrolle unwichtiger wird, wenn Dein Körper sich verändert und Du Unversehrtheit loslassen sollst bzw. musst, oder wenn eine Beziehung endet, obwohl Du sie gern behalten hättest, wenn Freundschaften nicht mehr tragen, wenn ein Traum sich nicht erfüllt, eine Karriereaussicht endet, wir unsere Heimat verlieren – einfach immer, wenn generell Sicherheit oder Vertrauen zerbricht.
In all diesen Fällen gibt es etwas, das wir so gern behalten oder bekommen würden und genau deshalb tut es so weh.
Der Kopf versteht irgendwann: „Es ist vorbei.“ „Es wird nicht mehr so.“ „Ich kann es nicht zurückholen.“ Aber Dein Inneres sagt: „Nein. Ich halte fest. Nur noch ein bisschen. Vielleicht geht es ja doch.“ „Vielleicht wird es ja doch noch einmal besser.“ Und genau das ist der Affe im Glas.
Warum wir festhalten, obwohl es uns einsperrt
Festhalten ist keine persönliche Unfähigkeit oder Unreife. Festhalten ist schlicht und ergreifend Bindung. Wir halten fest, weil wir geliebt haben, weil wir gehofft haben, weil wir uns verbunden gefühlt haben, weil wir uns über etwas definiert haben, weil wir Sicherheit damit verbunden haben und weil wir Angst vor der Leere danach haben.
Loslassen bedeutet nicht nur, etwas aufzugeben. Loslassen bedeutet oft nicht mehr und nicht weniger als eine Identität zu verlieren. Eine Version von uns selbst, die zu diesem „Belohnungsstück“ gehört hat. Darum ist Loslassen für uns so schwer, denn unser inneres System glaubt: „Wenn ich das loslasse, falle ich ins Nichts.“
Die größte Blockade beim Loslassen ist eine innere Illusion: „Wenn ich festhalte, bleibt es vielleicht doch und ich der, der ich mal war.“ Diese Blockade kann viele Formen haben:
- das Dauergedankenkarussell („Wenn ich nur noch…“)
- das Wiederholen von Gesprächen im Kopf
- das ständige Suchen nach einem anderen Ausgang
- der Versuch, Gefühle wegzudrücken, damit alles wieder „normal“ wird
- die Hoffnung, Zeit zurückdrehen zu können
- das eigene Leben an einem alten Bild auszurichten, das nicht mehr passt
Wir klammern, weil wir die Realität innerlich noch nicht (aus-)halten können. Das ist eigentlich ein sehr gesunder Schutzmechanismus. Aber er wird zum Gefängnis, wenn er zu lange bleibt.
Was geschieht im Gehirn, wenn wir festhalten?
Vereinfacht dargestellt aktiviert dieses Festhalten, diese Schutzreaktion, neurologisch gesehen, das limbische System, insbesondere die Amygdala, die für Angst, Schutz und emotionale Alarmierung zuständig ist. Sie registriert: „Etwas droht verloren zu gehen“ – und hält uns in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit.
Gleichzeitig wird der Sympathikus, unser Stresssystem, hochgefahren: Der Cortisolspiegel steigt und der präfrontale Kortex, zuständig für Abwägung und rationale Entscheidungen, wird gehemmt.
Was geschieht, wenn wir loslassen?
Beim Loslassen hingegen wird neurologisch gesehen, der Parasympathikus aktiviert – unser Beruhigungssystem. Der Körper reguliert sich, der Atem vertieft sich, der präfrontale Kortex gewinnt wieder an Einfluss. Das Gehirn kann verarbeiten, integrieren und entspannen.
Psychologisch betrachtet entsteht so wieder Raum für neue, andere Perspektiven.
Loslassen heißt nicht vergessen. Loslassen heißt anerkennen.
Viele Menschen glauben, Loslassen bedeute so etwas wie „Ich lasse den Menschen los.“ „Ich vergesse das.“ „Es war wohl nicht so wichtig.“. Nein. Loslassen bedeutet etwas ganz anderes:
„Ich erkenne an, dass es nicht mehr so sein wird – und ich höre auf, mich selbst daran zu zerreiben.“ Loslassen ist keine Abwertung des Vergangenen. Loslassen ist eine Würdigung der Realität.
Der Affe im Glas hält fest, weil er nur die Belohnung sieht. Er sieht nicht, was ihn das kostet, dass das Festhalten ihn gefangen hält und völlig unfrei macht. Und bei uns Menschen ist es ähnlich: Solange wir den Schmerz nicht fühlen, bleibt Festhalten wie eine letzte Brücke.
Loslassen können ist kein „Kopf-Beschluss“. Loslassen ist ein Gefühlsprozess. Und der führt immer durch anerkennen, fühlen, würdigen und Neu-Orientieren. Das ist echte Trauerbewältigung und der einzige gesunde Weg hinaus aus dem Glas.
Die Affenfalle zeigt uns insgesamt also etwas sehr Menschliches: Wir halten nicht fest, weil wir nicht schlau genug sind, es anders zu machen. Wir halten fest, weil wir hoffen, weil wir lieben und weil wir Angst haben. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem wir spüren: Festhalten ist nicht mehr Liebe. Festhalten ist Selbstverlust und Selbstsabotage.
Und durch dieses Anerkennen beginnt Trauer, uns in die Freiheit zu führen, denn dann ist Loslassen nicht „das Ende“, sondern der Beginn von einem Leben außerhalb des Glases.
In meinen Coachings und Workshops tun wir genau das. Wir schauen genau darauf, was in Deiner persönlichen Geschichte gesehen werden will und was bisher noch unverabeitet ist, damit es Dir möglich ist, die Trauer über Deinen Verlust endgülig in Dein neues Leben integrieren zu können. Wenn das für Dich auch ein großer Wunsch ist, schreibe mir gerne unter @lebensnarben.de und lass uns sprechen. Wenn Du bis dahin bereits ein wenig Unterstützung gebrauchen kannst, lade Dir gerne meinen „Erste-Hilfe-Kasten-für-dunkle-Tage“ auf meiner Website herunter.




