
Wenn wir an Trauer denken, denken wir fast automatisch an Tod. An Beerdigungen, Kondolenzkarten, Friedhöfe und schwarze Kleidung. Für diesen Verlust hat unsere Gesellschaft Worte, Rituale und einen – wenn auch begrenzten – Raum.
Für viele andere Verluste gibt es all das nicht, obwohl das stille Leid vieler Menschen dabei oft nicht weniger wiegt.
Die Inhalte von diesem Blog
- Verluste ohne Anerkennung
- „Es gibt doch wirklich Schlimmeres“
- Trauer als gesunde Antwort
- Trauer braucht keinen Vergleich
Verluste ohne Anerkennung
In meiner Arbeit bei LEBENSNARBEN begegne ich immer wieder Menschen, die sagen: „Eigentlich dürfte ich gar nicht so traurig sein, denn es ist ja niemand gestorben.“ Ja, das stimmt, aber sie haben trotzdem etwas anderes verloren, das wichtig war, was ihr Leben getragen hat:
• eine Beziehung
• eine gemeinsame Zukunft
• eine Rolle
• Gesundheit
• Sicherheit
• ein inneres Zuhause
Doch die Tragweite dieser Verluste finden oft kein Verständnis im Umfeld.
„Es gibt doch wirklich Schlimmeres“
Sätze wie diese hören Betroffene häufig: „Andere haben es viel schlimmer.“ „Sei froh, dass …“ „Wer weiß, wozu es gut ist“ „Du musst jetzt nach vorne blicken“. Aber was gut gemeint ist, wirkt für die Betroffenen oft wie ein inneres Verbot zu trauern.
Trauer aber entsteht nicht aus einem vermeintlich objektiven Ausmaß eines Verlustes. Sie entsteht aus der Bedeutung, die etwas für jemanden in seinem Leben hatte.
Trauer als gesunde Antwort
Trauer ist keine Krankheit und sie ist auch nicht einfach nur ein Problem, das gelöst werden muss. Sondern sie ist eine gesunde, menschliche Reaktion und Antwort auf jegliche Form von tiefgehenden Verlust. Trauer zeigt, dass etwas wichtig war und dass es verbunden war mit Liebe, Hoffnung, Identität oder Sinn.
Wenn diese Trauer keinen Raum bekommt, verschwindet sie nicht einfach. Sie zieht sich nur zurück – in den Körper, in das Gefühl von Erschöpfung, in innere Leere oder auch in eine uns täglich begleitende, unerklärliche Form von Unruhe.
Die meisten Menschen haben aber gelernt, sich nur dann so etwas wie Trauer zuzugestehen, wenn der Verlust vermeintlich „groß genug“ ist. Alles andere wird relativiert oder rationalisiert – man möchte ja schließlich kein „Weichei“ sein, was nur im Selbstmitleid badet – denn Selbstmitleid hat einen ganz schlechten Ruf in unserer Gesellschaft. Gerade bei Trennungen, Lebensübergängen oder inneren Brüchen entsteht dadurch für die Betroffenen ein doppelter Schmerz: Der Verlust selbst schmerzt und das Gefühl, dafür kein Recht auf Trauer zu haben, weil alle nur erwarten, dass man damit schnell fertig wird und nach vorne blickt, macht es noch schlimmer.
Trauer braucht keinen Vergleich
Trauer an sich lässt sich nicht vergleichen, denn sie fragt nicht danach, ob etwas hätte schlimmer sein können. Sie tut einfach weh – egal in welchem Kontext. Und deshalb braucht sie Würdigung und keine Bewertung, weder von außen noch von innen.
Und vielleicht ist ein erster, etwas verändernder Gedanke: Du musst nicht im Selbstmitleid untergehen, aber Du darfst Dich vom Selbstmitgefühl leiten lassen.
Ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht deshalb darin, diesen namenlosen Verlusten Raum zu geben, sie zu würdigen, nicht einfach nur über sie hinweg zu gehen im schnelllebigen Alltag, sondern Worte zu finden für das, was bisher nur gefühlt wurde. Nicht, um es noch größer und schwerer zu machen, als es eh schon ist, sondern um ihnen den Schrecken zu nehmen und sie damit endlich wirklich gut und gesund ins eigene Leben integrieren zu können.
Wenn Trauer anerkannt wird, verändert sie sich. Sie wird nicht wirklich weniger, aber sie verliert ihre Wucht und ihre Schärfe. Und sie erlaubt, dass sich das Leben neu ordnen kann. Keine Rückkehr zum Alten, sondern ein Weitergehen mit dem, was war.
Wir dürfen, wenn wir etwas verloren haben, was unser Leben geprägt hat, darum trauern. Denn Trauer ist einfach mehr als die Reaktion auf Tod. Sie ist ein wichtige Ausdrucksform des Menschsein.
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