
Heute ist es wieder soweit, das nächste „Highlight“ steht an: Silvester. Dabei ist Silvester kalendarisch betrachtet nichts weiter als der Übergang von einem Monat in den Nächsten. Kein irgendwie natürlicher Einschnitt und damit eigentlich auch kein tatsächlicher Neubeginn. Der 1. Januar unterscheidet sich biologisch nicht vom 31. Dezember. Und doch fühlt es sich für viele Menschen ganz anders an. Gerade auch für Menschen in Trauer.
Die symbolische Kraft von Übergängen
Aus fachlicher Sicht ist das gut erklärbar: Menschen denken und fühlen nicht nur linear, sondern symbolisch. Jahreswechsel sind somit kulturell hoch aufgeladene Übergänge. Sie markieren:
• Abschied
• Bilanz
• Ende
• Neubeginn
• Erwartungen
Auch wenn das Leben faktisch einfach weitergeht, wirkt Silvester wie ein emotionaler Marker:
Das Jahr ist vorbei. Etwas ist abgeschlossen. Und für Trauernde ist genau das oft besonders schmerzhaft.
Wenn Abschied nicht freiwillig war
Trauer bedeutet in der Regel, dass etwas oder jemand nicht freiwillig losgelassen wurde. Ein Mensch ist gestorben. Ein Lebenstraum ist zerbrochen. Eine Sicherheit ist erschüttert und ins Wanken geraten und eine gewünschte Zukunft existiert so nicht mehr.
Silvester konfrontiert Trauernde daher häufig mit Fragen wie:
• Wie soll für mich ein neues Jahr beginnen, wenn all das Alte im Alten noch gar nicht abgeschlossen ist?
• Wie kann ich „nach vorne schauen“, wenn mir dafür das Wesentliche fehlt?
• Was soll Neuanfang für mich bedeuten, wenn ich doch noch mitten im Verlust stecke?
Während überall von Vorsätzen, Feuerwerk und Hoffnung gesprochen wird, entsteht für viele eine deshalb irgendwie nicht zu bewältigender, innere Diskrepanz zwischen äußerer Erwartung und der inneren Realität.
Die Zumutung der kollektiven Fröhlichkeit
Silvester ist ein kollektives Ritual und genau darin liegt für Trauernde oft eine zusätzliche Belastung. Die an diesem Tag bzw. Abend implizite Botschaft lautet: Jetzt wird gefeiert, alles wird verabschiedet und im alten Jahr zurückgelassen. Was jetzt zählt, ist frei, losgelöst und optimistisch nach vorne zu blicken.
Wer das aber innerlich nicht kann, fühlt sich sehr schnell fehl am Platz. Zu traurig, zu schwer, eben einfach nicht „richtig“ für diesen Moment und nicht passend für die feiernde Umgebung. Dabei ist Trauer an sich ja nicht irgendwie taktlos – aber sie folgt nun mal auch keinem Kalender.
Warum sich der Jahreswechsel trotzdem nicht ignorieren lässt
Gleichzeitig lässt sich Silvester emotional kaum ausblenden. Auch Menschen, die dem Hype generell kritisch gegenüberstehen, können sich dem meist nicht völlig entziehen. Das liegt daran, dass Übergänge unbewusst Prozesse aktivieren:
• Rückblick auf das Vergangene
• Konfrontation mit Verlusten
• Bewusstsein für Zeit und Endlichkeit
Trauer wird deshalb an solchen Schwellenpunkten nicht irgendwie besonders und willentlich aktiviert, sondern sie wird oft ganz ungewollt einfach sichtbarer. Das ist normal, aber oft um so schmerzhafter.
Trauer kennt keine Deadline
Aus trauerfachlicher Sicht ist es deshalb wichtig zu sagen: Es gibt keinen richtigen oder falschen Umgang mit Silvester. Manche Menschen wollen sich zurückziehen. Andere suchen Nähe. Manche zünden bewusst keine Raketen. Andere feiern mit – und sind trotzdem traurig. Und das alles ist o.k. und „richtig“.
Trauer kennt keine Jahresgrenzen. Sie endet nicht, weil ein neues Jahr beginnt. Und sie muss auch nicht „verarbeitet“ sein, um gesellschaftlich mithalten zu können.
Ein anderer Blick auf den Jahreswechsel
Vielleicht darf Silvester für Dich auch weniger als Neubeginn verstanden werden, sondern mehr als ein Übergang ohne Zwang. Eben nicht nach dem Motto: Jetzt muss etwas anders werden. Sondern: Es geht weiter – in dem Tempo, das mir möglich ist.
Manchmal ist es genug, den Jahreswechsel einfach nur zu überstehen. Ohne geordnete Gefühle, ohne bedeutungsvolle Vorsätze und ohne Tribut an all die äußerlichen Erwartungen.
Wenn Du also merkst, dass der Jahreswechsel bei Dir alte Wunden berührt, wenn Deine weggedrückte Trauer für Dich gerade in den anstehenden symbolischen Momenten besonders spürbar wird, dann ist das ein verständlicher Teil Deines Prozesses und nichts, was Du zu wenig im Griff hast oder falsch machst.
Als systemischer Trauercoach begleite ich bei „Lebensnarben“ Menschen genau dabei: Mit diesen Übergängen einen eigenen, stimmigen Umgang zu finden, ganz jenseits von Erwartungen und Kalenderlogik. Denn Trauer braucht kein neues Jahr und keine andere Zeitrechnung. Sie braucht einfach einen sicheren Raum und eine hilreiche Integration in Dein Leben.
Wenn Du Dir also Begleitung von jemandem wünschst, der Dir genau das bieten kann, nimm gerne Kontakt zu mir auf unter astrid@lebensnarben.de





