Kennedy

Heute vor 65 Jahren, also genau am 20. Januar 1961 wurde John F. Kennedy als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Ein historischer Moment, der heute – 65 Jahre später – noch einmal eine besondere Bedeutung bekommt, wenn man ihn nicht nur politisch, sondern emotional und gesellschaftlich betrachtet.

Denn diese Vereidigung fand nur 15 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs statt.
15 Jahre nach einem Zivilisationsbruch, nach unermesslicher Gewalt, nach Millionen Toten, nach einer Welt, die zutiefst traumatisiert war.

Die Trauer dieser Zeit war allgegenwärtig. Ganz individuell, familiär, gesellschaftlich – und damit zutiefst kollektiv.

Ein Hoffnungszeichen in einer trauernden Welt

Kennedys Vereidigung stand damals nicht nur für einen Machtwechsel. Sie war für viele Menschen ein Symbol:

• für Aufbruch nach Zerstörung
• für Versöhnung nach Feindschaft
• für Zukunft nach kollektiver Erschöpfung

Seine berühmten Worte – „Ask not what your country can do for you…“ – wirkten wie ein Gegenentwurf zu Resignation und Hoffnungslosigkeit. Nicht, weil die Trauer verschwunden gewesen wäre, sondern weil sie eingebettet wurde in eine gemeinsame Erzählung von Verantwortung, Sinn und Zukunft. Und das ist ein entscheidender Punkt.

Kollektive Trauer braucht kollektive Bilder

Denn Trauer ist nicht nur ein individuelles Geschehen. Sie entsteht auch dort, wo ganze Gesellschaften erschüttert werden: Durch Kriege, durch politische Unsicherheit, durch Polarisierung und durch das Gefühl, dass Verlässlichkeit verloren geht.

Heute haben wir großartiger Weise seit 70 Jahren Frieden in unserem Land und ein vereintes Europa, aber momentan erleben wir erneut eine Zeit, in der viele Menschen eine diffuse, schwer benennbare Traurigkeit spüren, eine Mischung aus Angst, Erschöpfung, Wut und Ohnmacht. Nicht, weil etwas ganz persönlich verloren gegangen ist, sondern weil sich das Gefühl von Sicherheit, Zusammenhalt und Orientierung weiter auflöst. Diese Trauer ist ganz real und sie wirkt zu einem nicht unerheblichen Teil auf unser Nervensystem.

Wenn kollektive Trauer keinen Raum bekommt

Unser Nervensystem reagiert auf Dauerunsicherheit mit Alarm. Mit Anspannung, Reizbarkeit, Rückzug oder Aggression. Was wir aktuell oft beobachten können, sind zwei typische Reaktionen auf unverarbeitete kollektive Trauer:

• Panik und Überforderung
• Zynismus, Hoffnungslosigkeit, Spaltung

Beides ist oft irgendwie verständlich, aber beides ist eben auch keine Lösung. Denn das permanente Verstärken von Angst oder das gegenseitige Überbieten in „Hoffnungslosigkeit“ hilft weder dem Einzelnen noch der Gesellschaft.

Was uns heute fehlt

Was uns heute wieder oft fehlt, ist nicht Information, sondern Integration. Eine Idee davon, wie wir kollektive Verluste gemeinsam betrauern können. Wie Unsicherheit ausgehalten werden darf, ohne sofort beantwortet zu werden und wie Trauer eben nicht privatisiert wird, sondern als gemeinsames Geschehen verstanden wird

Stattdessen passiert etwas anderes: Jede und jeder muss für sich allein damit klarkommen. Und dann ist es eben nicht verwunderlich, warum die Stimmung in der Gesellschaft gerade so gereizt, so hart und so hoffnungslos wirkt.

Trauer braucht keinen Optimismus, sondern Würdigung

Ein guter Umgang mit kollektiver Trauer bedeutet nicht, alles schönzureden. Er bedeutet auch nicht, ständig hoffnungsvoll zu sein, sondern er bedeutet mal innezuhalten, hinzuschauen und überhaupt anzuerkennen, dass etwas verloren gegangen ist. Dem Ganzen im öffentlichen Geschehen Raum zu geben, ohne sofort entweder in Aktionismus oder aber Verdrängung zu verfallen.

Kennedys Vereidigung war damals auch kein Ende der Trauer. Aber sie war ein Zeichen, dass Trauer und Zukunft zusammen gedacht werden können.

Eine Einladung zum Integrieren – nicht zum Verdrängen

Eine Aufgabe unserer Zeit ist sicherlich nicht noch lauter zu werden, nicht noch härter und insgesamt zynischer, sondern eben bewusster im Umgang mit dem, was uns allen unter die Haut geht. Trauer, auch kollektive, verschwindet eben nicht, wenn wir sie ignorieren. Sie wirkt weiter. In unseren Körpern, in unseren Beziehungen, in unserer ganzen Gesellschaft.

Ein würdevoller Umgang mit ihr ist somit eine Voraussetzung für echten Zusammenhalt in unserer Demokratie.

Was das mit Lebensnarben zu tun hat

Genau hier berührt dieses historische Beispiel auch meinen Ansatz bei Lebensnarben.
Denn Trauer entsteht nicht nur durch Tod und Sterben. Sie entsteht auch dort, wo Sicherheit verloren geht, wo Vertrauen erschüttert wird und wo gewohnte Orientierungen wegbrechen, sowohl individuell als auch kollektiv.

Was wir aktuell wieder erleben, ist eine Form von gesellschaftlicher Trauer, für die es kaum Räume gibt. Keine Rituale, keine Sprache und erst recht keine gemeinsame Integration. Stattdessen wird diese Trauer privatisiert, was bedeutet, dass jede und jeder für sich allein damit klarkommen soll und muss.

Meine Idee von Lebensnarben setzt genau hier an. Denn bei Lebensnarben geht es genau um diese Trauer jenseits von Tod und Sterben, auch dort, wo Verluste diffus, politisch, gesellschaftlich oder nicht eindeutig benennbar sind. Nicht mit dem Anspruch, irgendwie Antworten liefern zu können oder Hoffnung zu verordnen, sondern mit der Grundhaltung, dass Trauer Raum braucht, um sich nicht destruktiv zu entladen.

Kollektive Trauer, die nicht integriert wird, wirkt weiter in Nervensystemen, in Beziehungen, in gesellschaftlichen Spannungen. Ein bewusster Umgang mit ihr ist deshalb keine reine Privatangelegenheit, sondern eine Voraussetzung für Verbindung, Dialog und Zusammenhalt.

Schlussgedanken: Trauer ernst nehmen – gerade auch die kollektive

Vielleicht liegt eine der größten Herausforderungen unserer Zeit nicht darin, die „richtigen“ Antworten zu finden, sondern darin, das Unbeantwortete gemeinsam auszuhalten.

Kollektive Trauer entsteht dort, wo Gewissheiten bröckeln, wo Zukunftsbilder unsicher werden und wo das Gefühl von Zusammenhalt Risse bekommt. Sie zeigt sich nicht immer als klare Traurigkeit, sondern oft als Wut, Erschöpfung, Angst oder Rückzug.

Wenn wir diese Trauer ignorieren oder nach dem Motto „Jeder muss halt selbst klarkommen“ händeln, dann bleibt sie weiterhin negativ wirksam. Vor allem in der Art, wie wir miteinander umgehen. Ein würdevoller Umgang mit Trauer bedeutet dabei weder, permanent destruktive Gedanken zu verbreiten, noch irgendwie Optimismus zu erzwingen, sondern er bedeutet, überhaupt anzuerkennen, dass etwas verloren gegangen ist bzw. gerade verloren geht und dass diese Verluste integriert werden müssen, statt sie weiter zu verdrängen.

Genau hier setzt das Konzept von LEBENSNARBEN an.

Mit der Haltung, dass Trauer nicht nur ein höchst privates Thema ist. Und dass sie nicht erst dann Aufmerksamkeit verdient, wenn sie eskaliert. Wir brauchen insgesamt weniger laute Antworten und stattdessen mehr Räume, in denen das, was uns alle bewegt, einen Platz haben darf. Ohne Schuldzuweisung und ohne Beschleunigung.

 

Hallo, ich bin Astrid.

Ich bin die, die zuhört. Die fragt. Die mit Dir aushält, was gerade schwer ist, ohne Ratschläge und ohne Urteile.

Trauer und Verluste gehören zum Leben dazu, auch abseits von Tod und Sterben. Ich weiß, wie sehr sie belasten können und wie wichtig es ist, dass jemand da ist, der Dich ernst nimmt, Deine Gefühle mitträgt und mit Dir gemeinsam neue Perspektiven entwickeln kann.

Ich kann Dir Deine Trauer nicht abnehmen. Aber ich kann Dir helfen, sie ein kleines Stück leichter tragen zu können. Mit Worten, mit Bildern, mit Impulsen. Damit wieder Raum entsteht in Deinem Leben: Für mehr Lebendigkeit, Leichtigkeit, Freude und neues Vertrauen. 💜

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Astrid von Prondzinski

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