Rückblick

Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke, erscheint es mir fast unglaublich, wie sehr das Thema Verlust, Abschied und Trauer mich 2025 von Beginn an begleitet hat – in meiner Rolle als Begleiterin ebenso wie ganz persönlich. Denn auch wenn ich mich erst im Juli offiziell mit Lebensnarben selbstständig gemacht habe, war dieses Thema von Anfang an präsent. Nicht nur theoretisch und auch nicht irgendwie abstrakt, sondern ganz real, nah und oft sehr intensiv.

Die Inhalte des Jahresrückblick 2025:
1. Ein Jahr voller realer Abschiede
2. Krankheiten, Diagnosen und der Verlust von Unversehrtheit
3. Abschiede ohne Tod – und doch voller Trauer
4. Abschiede, die ich bewusst gewählt habe
5. Ankommen, getragen und nicht alleine sein
6. Kraftquellen, die geblieben sind und neue, die wachsen durften
7. Ausblick

Ein Jahr voller realer Abschiede

Allein in meinem privaten Umfeld sind in diesem Jahr vier Elternteile mir sehr nahestehender Menschen verstorben. Die Begleitung durch diese Zeiten war für mich emotional und teilweise sehr intensiv, denn Trauer ist nun mal nie nur individuell, sondern sie wirkt eben immer auch im Beziehungssystem, im Alltag und im Miteinander.

Darüber hinaus haben mich zwei weitere Todesfälle stark beschäftigt, auch wenn ich davon nicht unmittelbar betroffen war.

Zum einen ist während meiner Ausbildung zur Professionalisierten Trauer- und Verlustbegleiterin an der Universität Duisburg-Essen Professor Arnold Langenmayr, einer der wichtigsten Dozenten dieser Ausbildung, plötzlich verstorben. Er war länger erkrankt und dennoch kam sein Tod für uns alle unerwartet. Neben aller Traurigkeit hatte dieser Verlust einfach auch etwas zutiefst Irritierendes:

Plötzlich waren wir als Teilnehmende nicht nur Lernende, sondern selbst mitten in dem, womit wir uns theoretisch und fachlich beschäftigten. Die Praxis war auf einmal da – ungefragt, unmittelbar und sehr real.

Zum anderen hat mich der Suizid eines ehemaligen Schulkollegen meines Sohnes tief berührt. Nicht zuletzt wegen der Vorstellung des Schmerzes seiner Mutter, die ich kenne. Diese Nachricht hat in mir einen Punkt berührt, der mich schon länger umtreibt: die zunehmende Orientierungslosigkeit, Einsamkeit und psychische Belastung vieler junger Menschen, die ich in meinem Umfeld und im Umfeld meiner Kinder wahrnehme.

Es bewegt mich sehr, dass so viele junge, aus meiner Sicht großartige Menschen sich in dieser Welt nicht gesehen, irgendwie nicht richtig oder nicht zugehörig fühlen. Der Wunsch, dem mit meiner Arbeit irgendwann etwas Sinnvolles entgegensetzen zu können, wächst in mir, auch wenn das im Moment noch Zukunftsmusik ist. Aber es arbeitet.

 

Krankheiten, Diagnosen und der Verlust von Unversehrtheit

Neben Todesfällen hat auch das Thema Krankheit und Diagnose in diesem Jahr viel Raum eingenommen. Es gab im Umfeld vieler Herzensmenschen schwerwiegende Diagnosen, belastende Symptome und massive Nebenwirkungen. Und wir reden hier nicht von ein bisschen Grippe, sondern von Erfahrungen, die das Leben grundlegend verändern.
Immer wieder wurde mir bewusst, wie fragil unsere Gesundheit ist.

Und wie tief die Trauer um den Verlust von Unversehrtheit wirken kann – oft lange, nachdem die erste Diagnose gestellt wurde.

Auch ich selbst kenne diese Trauer. Das Gefühl von Leichtigkeit, das mit dem Empfinden von Gesundheit einhergeht, fehlt mir immer wieder. Und die Trauer darüber meldet sich auch immer mal wieder bei mir. Mal nur leise, mal deutlicher. Auch das gehörte in 2025 dazu und wird sich auch 2026 wohl leider nicht ändern.

Ein besonders prägendes Thema in diesem Gesundheitszusammenhang ist dabei auch die fortschreitende Demenzerkrankung meiner Mutter im letzten Jahr. Diese Form der vorweggenommenen Trauer die das mit sich bringt, begleitet mich bei nahezu jedem Besuch im Moment. Ich merke jedes Mal, wenn ich wieder von ihr zu mir nach Hause fahre, dass der Abschied eben nicht auf einen Schlag geschehen wird, sondern jetzt schon passiert, immer wieder, in vielen kleinen Momenten.

Der Umgang damit ist herausfordernd – und gleichzeitig bin ich dankbar für alles, was ich durch meine Ausbildung und meine Arbeit über Demenz, Trauer und Bindung gelernt habe. Dieses Wissen macht es nicht wirklich leichter, aber es macht es tragbarer.

 

Abschiede ohne Tod – und doch voller Trauer

Trauer entsteht nicht nur durch Tod. Das ist ja eine der wichtigsten Hintergründe von „Lebensnarben“ und das habe ich selbst in diesem Jahr auch wieder sehr deutlich erfahren. Ein für mich bis heute schwer verständlicher und nicht gewollter Kontaktabbruch zu einer engen Bezugsperson hat mich – und auch meine Tochter – tief getroffen. Mein verändertes Bewusstsein hilft mir, damit umzugehen. Die Trauer darüber wird bleiben. Meine Aufgabe wird es sein, sie gut in unser Leben zu integrieren.

Auch durch meine Tochter durfte ich Trauer noch mal in einer ganz anderen Dimension kennenlernen. Sie wurde Mentorin einer ukrainischen Mitschülerin, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland lebt. Dadurch ergaben sich regelmäßige Begegnungen bei uns zu Hause – Gespräche über Schule, Alltag und Leben.
Dabei habe ich viel gelernt über eine Realität, die ich zuvor vor allem aus den Nachrichten kannte:

• den Verlust von Heimat und Sicherheit
• den Abschied von ganzen Klassengemeinschaften
• das Wissen, viele Menschen nie wiederzusehen
• die Trauer um eine Identität, die unwiederbringlich verloren ist

All das bei einem so jungen Menschen mitzuerleben, war ein weiterer, sehr berührender Blick auf mein Themenfeld.
Und schließlich gab es im November noch einen ganz anderen Verlust: Ein Einbruch in unserem Zuhause hat mir – neben dem Verlust von einigen unersetzbaren Erinnerungsschmuckstücken – auf schmerzhafte Weise das Gefühl von Sicherheit und Unversehrtheit genommen. Auch das ist eine Form von Abschied, oft unterschätzt (das passiert eh nur anderen, sei froh, dass sie nichts zerstört haben…), aber eben sehr real.

 

Abschiede, die ich bewusst gewählt habe

Bei all diesen eher schmerzhaften Verlusten gab es jedoch auch Abschiede, die ich gerne in Kauf genommen habe. Ich durfte mich beispielsweise von der Angst verabschieden, mich tatsächlich selbstständig zu machen und meinen Traum wirklich zu leben. Mit der unglaublich hilfreichen Unterstützung von Beatrice Krammer von Onlinemagie konnte ich ab Mai beginnen, „Lebensnarben“ endlich Wirklichkeit werden zu lassen.

Was daraus entstanden ist, hätte ich mir vorher kaum vorstellen können:

Juni 2025: Erstellung meiner Website
Juli 2025: Sichtbarwerden auf Instagram
August 2025: Start meines Newsletters „Pflasterpost“
September 2025: Entwicklung meines ersten Freebies – dem „Erste-Hilfe-Kasten für dunkle Tage“
Oktober 2025: Ausbau von Website und Angebot
November 2025: Start meines Blogs

Dass ich heute begleite, schreibe, sichtbar bin und mit Klientinnen arbeite, fühlt sich immer noch ein wenig unwirklich an, aber eben gleichzeitig auch ganz großartig und zutiefst stimmig.

 

Ankommen, getragen und nicht alleine sein

Ich durfte mich außerdem von der Überzeugung verabschieden, dass es für meine Arbeit und mich keinen passenden, bezahlbaren und wirklich gemütlichen Praxisraum geben würde. Inzwischen gibt es diesen Raum (Provesthöhe 3, 45257 Essen). Und er fühlt sich genauso an, wie ich es mir für „Lebensnarben“ und die Menschen, die sich dort wohlfühlen sollen, gewünscht habe.

Und ich durfte mich von einem weiteren, sehr hartnäckigen Glaubenssatz verabschieden: Nämlich der Überzeugung, dass ich am Ende doch alles allein tragen müsste… Neben der unglaublichen Unterstützung meiner Familie, habe ich so viel Rückhalt von Menschen erfahren, von denen ich das teilweise gar nicht erwartet hätte – von alten Kontakten, neuen Begegnungen, flüchtigen Bekanntschaften, aber eben auch vielen vertrauten Herzensmenschen. Und mit genau diesen Menschen habe ich im November dann auch eine entsprechend schöne Einweihungsfeier meiner Praxisräume gefeiert. Diese Erfahrung trägt mich. Und dafür bin ich von Herzen dankbar.

 

Kraftquellen, die geblieben sind und neue, die wachsen durften

Bei all den unschönen Abschieden und Verlusten gab es in diesem Jahr außerdem Abschiede, in denen neue Kraft entstanden ist.

Ein Abschied, der mir persönlich viel bedeutet, war der von der Angst, mich körperlich nicht mehr aufraffen zu können, ein wenig zu verabschieden. Die Sorge, dass Bewegung, Sport und das Gefühl von körperlicher Stärke für mich vielleicht nicht mehr erreichbar sein könnten, hat mich lange begleitet. Aber, in diesem Jahr habe ich mich tatsächlich im Fitnessstudio angemeldet. Und mehr noch: Ich gehe regelmäßig hin – gemeinsam mit meiner Tochter. Noch ist es ihr nicht peinlich, mit ihrer „alten Mutter“ zu trainieren. Und das erfüllt mich auf eine sehr stille Weise mit Dankbarkeit.

Auch Reisen waren in diesem Jahr wichtige Kraftquellen. Zeit mit meiner Familie, mit Freundinnen, unterwegs sein, rauskommen, Perspektiven wechseln. Ich durfte schöne Tage in Schwerin, Lüneburg, auf Sylt, auf Texel und im Schwarzwald erleben – Orte, die mir gutgetan haben und an denen Leichtigkeit zumindest zeitweise wieder Raum hatte.

Dazu kamen viele bereichernde Konzerte, Kabarett- und Kulturveranstaltungen die mich zum Lachen, Nachdenken und Durchatmen eingeladen haben und viele schöne private Begegnungen mit meinen Herzensmenschen. Und natürlich das Lesen. Aber das Lesen ist – wie jedes Jahr – dabei auch ein Fass ohne Boden geblieben. Egal, wie viel ich lese: Der Stapel der Bücher, die „unbedingt noch gelesen werden wollen“, wird einfach nicht kleiner. Im Gegenteil. Weihnachten hat auch diesmal wieder für erheblichen Nachschub gesorgt.

Und vielleicht ist auch das eine schöne Wahrheit dieses Jahres: Dass es Dinge gibt, die nie abgeschlossen sind – weil sie uns nähren, begleiten und offenhalten.

Ausblick

So hoffe ich sehr, dass Lebensnarben weiter wachsen darf – in meinem Tempo und auf meine Weise – und mich die Unterstützung von so vielen lieben Menschen auch im kommenden Jahr begleitet.
Ich freue mich auf alles, was sich entwickeln wird.
Und ich freue mich sehr, wenn Du weiterhin ein Teil dieses Weges bist.

Zum Abschluss noch etwas, wovon ich mich 2026 gerne leiten lassen möchte – und Du ja vielleicht auch :

Fahrgäste im Bus – eine Übung aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT)

Wenn Neues entstehen darf, heißt das nicht, dass plötzlich alle Zweifel verschwinden. Oft tauchen sie gerade dann auf – genau in dem Moment, in dem wir den ersten Schritt machen wollen.
Vielleicht kennst Du Gedanken wie:

„Fang besser später an.“
„Das wird doch sowieso nichts.“
„Was soll das schon bringen?“
„Andere sind dafür besser geeignet.“
„Mach es allen recht, dann passt es schon.“

Diese Gedanken wirken schnell wie Stoppschilder auf dem Weg ins Neue.
Und doch sind sie vor allem eines: Gedanken.
Stell Dir für einen Augenblick vor, Dein neues Jahr wäre ein Bus. Du sitzt vorne am Steuer. Hinter Dir sitzen Deine Gedanken und Gefühle – alle, die Dich begleiten. Die Mutigen. Die Vorsichtigen. Die Lauten. Die Zweifler.
Und jetzt der entscheidende Punkt:

Du musst niemanden davon herauswerfen.
Du musst niemanden überzeugen oder mundtot machen.
Du darfst trotzdem die Richtung vorgeben und das Steuer übernehmen.

Schau einmal innerlich nach hinten in Deinen Bus:
Welche Gedanken haben sich bei Dir in den vorderen Reihen breitgemacht für 2026?
Perfektionismus? „Ich muss erst noch…“? Die Angst, zu scheitern? Die Scham, sich Hilfe zu holen?“
Gib ihnen einen Platz. Lass sie dabei sein. Und richte Deinen Blick wieder nach vorne.

Frage Dich dann leise:
In welche Richtung möchte ich 2026 wirklich fahren?
Welcher kleine Schritt – heute, diese Woche – passt zu diesem Weg?
Die Fahrgäste werden weiterreden. Das tun sie immer.
Aber sie müssen nicht bestimmen, wohin Du steuerst.
Neu beginnen heißt nicht: keine Angst, keine Zweifel, keine alten Sätze mehr.
Neu beginnen heißt: fahren – mit ihnen an Bord.

 

Hallo, ich bin Astrid.

Ich bin die, die zuhört. Die fragt. Die mit Dir aushält, was gerade schwer ist, ohne Ratschläge und ohne Urteile.

Trauer und Verluste gehören zum Leben dazu, auch abseits von Tod und Sterben. Ich weiß, wie sehr sie belasten können und wie wichtig es ist, dass jemand da ist, der Dich ernst nimmt, Deine Gefühle mitträgt und mit Dir gemeinsam neue Perspektiven entwickeln kann.

Ich kann Dir Deine Trauer nicht abnehmen. Aber ich kann Dir helfen, sie ein kleines Stück leichter tragen zu können. Mit Worten, mit Bildern, mit Impulsen. Damit wieder Raum entsteht in Deinem Leben: Für mehr Lebendigkeit, Leichtigkeit, Freude und neues Vertrauen. 💜

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Astrid von Prondzinski

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  1. Liebe Astrid, berührt habe ich deinen Jahresrückblick gelesen. 💚 Gestern noch drüber gesprochen, heute bereits veröffentlich … du bist und bleibst eine Umsetzerin, eine Macherin … die mutig ihren Weg geht. Denn Mut heißt nicht, dass wir keine Angst haben, wie wir wissen, sondern, dass wir es trotzdem tun. 🤗 Beatrice

    • Astrid von Prondzinski 4. Februar 2026 at 19:18- antworten

      Ich danke Dir sehr. In der Tat überrasche ich mich immer wieder selber 🙂

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