
Der heutige Internationale Tag des Blindenhundes erinnert an etwas, das leicht übersehen wird, wenn man nicht unmittelbar damit zu tun hat: An die stille, verlässliche Präsenz eines Wesens, der an Deiner Seite bleibt, wenn Dir die Orientierung fehlt.
Ein Blindenhund nimmt seinem Menschen den Verlust des Augenlichts nicht. Er macht ihn nicht ungeschehen und er kann auch nicht wirklich eine „Normalität“ herstellen. Und doch verändert er alles.
Leben mit einem Verlust, der bleibt
Der Verlust des Augenlichts, wenn man vielleicht mal sehend auf die Welt gekommen ist, ist ein dauerhafter Einschnitt in die Wahrnehmung der Welt, in die Selbstständigkeit und in das Vertrauen in den eigenen Körper. Dieser Einschnitt bringt nicht nur praktische Herausforderungen mit sich, sondern hat auch eine tiefe emotionale Dimension:
• Unsicherheit
• Abhängigkeit
• Trauer um das, was selbstverständlich war
• Angst vor dem, was kommt
Ein solcher Verlust endet nicht nach einer gewissen Zeit. Er begleitet und er verändert für immer.
Was ein Blindenhund wirklich tut
Ein Blindenhund ist in dieser Situation kein Werkzeug. Er ist auch kein Hilfsmittel im technischen Sinne. Stattdessen ist er zuverlässiges Wesen an der Seite des Menschen, immer aufmerksam, fühlbar präsent und verlässlich. Er stellt keine Fragen. Er macht keine Vorwürfe und er erwartet auch keine Leistung. So zieht er seinen Menschen nicht gegen seinen Willen irgendwo hin, sondern er geht mit ihm in seinem Tempo und in die von ihm gewünschte Richtung.
Begleitung ohne Anspruch
Was viele Menschen an der Seite eines Blindenhundes als das Wichtigste beschreiben, ist nicht nur die Erleichterung im Alltag, sondern vor allem auch das Gefühl von nicht mehr allein zu sein. Da ist jemand:
• der da ist, auch wenn es schwer wird
• der bleibt, auch wenn Orientierung fehlt
• der nichts verlangt, außer Vertrauen
Für Menschen, die mit einem schweren oder auch langen zurückliegenden Verlust leben, ist es genau oft das, was am meisten fehlt. Nicht ein Umfeld mit lauter schlauen Ratschlägen und dem ständigen Präsentieren von irgendwelchen Lösungen, sondern eben eine zugewandte Begleitung ohne eigenen Anspruch.
Jeder Verlust nimmt uns ein Stück Orientierung
Metaphorisch betrachtet nimmt jeder tiefgreifende Verlust ein Stück „Sehfähigkeit“. Natürlich nicht im wörtlichen Sinn, aber im Inneren.
Wir verlieren: Gewissheiten, Zukunftsbilder, Selbstverständlichkeiten und innere Landkarten.
Plötzlich ist das Leben nicht mehr so überschaubar wie vorher. Der Weg ist nicht mehr klar und trotzdem versuchen viele Menschen so zu tun, als könnten sie einfach weitergehen wie zuvor.
Und genau hier fehlt oft der „Blindenhund“
In unserer Gesellschaft gibt es kaum Bilder und Räume für das, was nach einem Verlust wirklich gebraucht wird. Stattdessen hören Trauernde oft: „Da musst Du jetzt einfach durch.“„Das wird schon wieder.“ „Du musst jetzt einfach nur positiv bleiben.“
Was dabei fehlt, ist meistens jemand, der sagt: Ich gehe ein Stück mit Dir. Du musst nicht alles alleine schnell wieder klar sehen und schaffen. Ich bin da und schenke Dir ein bisschen Orientierung, während wir gehen.
Lebensnarben als Ort des Dabeibleibens
In meiner Arbeit mit Lebensnarben verstehe ich mein Coaching und meine Begleitung genauso. Eben nicht als tägliche Alltagsunterstützung wie ein Blindenhund, aber als Orientierung auf der emotionalen Ebene. Als ein Raum, in dem nichts beschleunigt werden muss, keine Erwartungen erfüllt werden sollen, keine Leistung erbracht werden muss. Ein Raum, in dem jemand an der Seite ist, während sich neue innere Orientierung entwickeln darf. Den Verlust kann ich nicht weniger schmerzhaft machen für Dich, aber ihn gemeinsam mit Dir tragbarer und für Dich aushaltbarer.
Trauer braucht kein Ziel – sondern Beziehung
Blindenhunde führen nicht irgendwohin, wo „alles wieder gut“ ist, sondern sie helfen, sich in einer veränderten Welt zurechtzufinden. Verlust- und Trauerbegleitung funktioniert ähnlich.
Niemand braucht alles allein zu schaffen
Der Internationale Tag des Blindenhundes erinnert uns daran, dass sich Begleitung suchen nichts mit einer mentalen Schwäche zu tun hat. Und vielleicht brauchen wir – nach Verlusten – alle ein wenig mehr von dieser Haltung: Nicht ziehen, nicht drängen, nicht bewerten, sondern an der Seite desjenigen bleiben, der gerade Orientierung braucht.
Eine Einladung
Wenn Du mit einem Verlust lebst – sichtbar oder unsichtbar – und merkst, dass Dir gerade weniger Orientierung zur Verfügung steht als früher, dann musst Du damit nicht alleine klarkommen. Lebensnarben versteht sich als ein Ort, an dem jemand ein Stück mit Dir auf Deinem Weg mitgeht, ohne Erwartungen, sondern mit Respekt für Deine Bedürfnisse und Dein Tempo. Denn manchmal reicht es, um mit einem Verlust besser klar zu kommen, einfach nicht alleine unterwegs zu sein.





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So ein schöner Beitrag zum „besten Freund des Menschen“ 💞
Ich danke Dir. Ja – gerade in Zeiten, in denen wir die Orientierung verlieren, wird Begleitung zum kostbarsten Geschenk. Ob auf vier Pfoten oder zwei Beinen.