Non-Death-Grief

Als ich vor einigen Jahren in meiner Arbeit als Angestellte regelmäßig in Beratungsgesprächen mit Menschen saß, die sich in persönlichen Umbruchsituationen befanden, war mir eines noch nicht bewusst: Dass viele von ihnen trauerten. Damals dachte ich nicht in diesen Begriffen. Ich sah Menschen, die ihren Job verloren hatten, deren Beziehung zerbrochen war, die plötzlich vor einem inneren Neuanfang standen. Und meine Aufgabe schien klar: Sie zu ermutigen, nach vorne zu schauen, den nächsten Schritt zu planen und wieder handlungsfähig zu werden. Doch etwas daran begann sich für mich falsch anzufühlen.

Mein Gefühl wurde damals immer mehr, dass ich Menschen antreiben sollte, ihre Zukunft zu planen, obwohl sie innerlich noch gar nicht dort waren. Dass sie etwas „leisten“ sollten – Klarheit, Entscheidungen, Zukunftsbilder – während sie in Wahrheit noch völlig damit beschäftigt waren, das Geschehene zu verarbeiten. Etwas war zu Ende gegangen, etwas hatte sich unwiderruflich verändert. Aber dafür war einfach kein Raum vorgesehen. Und deshalb habe ich irgendwann gemerkt: Diese Arbeit wollte ich so nicht mehr machen.

Was ich damals intuitiv gespürt habe, kann ich heute benennen: Es war non-death grief. Trauer ohne Tod. Aber damals kannte ich diesen Begriff noch nicht.

Trauer über das, was nicht mehr ist – und nicht mehr sein wird

In der internationalen psychologischen Literatur wird non-death grief zunehmend als eigenständige Form von Trauer beschrieben. Gemeint ist die Trauer über Verluste, bei denen niemand gestorben ist – und die dennoch tief gehen. Jobverlust. Trennung. Der Verlust einer Rolle, einer Identität, einer Zukunftsvorstellung. Der Moment, in dem das Leben eine Richtung einschlägt, die man sich so nicht ausgesucht hätte.

Diese Form der Trauer ist oft unsichtbar. Es gibt keine Rituale, keine Beileidskarten, keinen klaren gesellschaftlichen Rahmen. Stattdessen wird häufig erwartet, dass Menschen „funktionieren“, sich neu orientieren, eben einfach weitermachen. Doch genau das ist oft noch nicht möglich.

Wenn Verarbeitung wichtiger ist als Veränderung

Was ich in diesen Gesprächen immer wieder erlebt habe, war kein Mangel an Motivation oder Willenskraft bei den Menschen, die zu mir in die Beratung kamen. Sondern es war schlichtweg Überforderung. Diese Menschen konnten einfach noch keinen nächsten Schritt gehen, weil sie innerlich noch mitten im Abschied steckten. Psychologisch ist das auch gut erklärbar: Trauer bindet Energie. Sie fordert Aufmerksamkeit. Sie verlangt nach Integration. Solange dieser Prozess nicht stattfinden darf, bleibt Veränderung halt oberflächlich oder erzwungen.

Heute weiß ich: Nicht jeder Umbruch braucht sofort eine Lösung. Manche brauchen zuerst Anerkennung dessen, was verloren gegangen ist.

Lebensnarben: Trauer als Teil der Biografie

Diese Erkenntnis ist heute eine der Grundlagen von Lebensnarben. Diese Trauer ist ein existenzieller Teil gelebten Lebens. Auch dann – oder gerade dann – wenn kein Tod stattgefunden hat. Denn Non-death grief beschreibt etwas sehr Menschliches: Die Verletzlichkeit in Übergängen. Die Leere zwischen dem, was war, und dem, was noch nicht da ist. Und den Mut, diesen Zwischenraum nicht zu überspringen.

Vielleicht brauchen wir genau dafür neue Worte. Und neue Räume. Denn was wir nicht betrauern dürfen, können wir auch nicht wirklich loslassen. Und was wir loslassen, ohne es zu würdigen, hinterlässt Spuren – ob wir wollen oder nicht.

Lebensnarben: Ein anderer Umgang mit Umbruch und Verlust

Aus dieser Erfahrung heraus ist meine heutige Arbeit mit Lebensnarben entstanden. Nicht als Methode, um Menschen schneller „wieder auf Kurs“ zu bringen, sondern als Raum, in dem das, was geschehen ist, zuerst einfach mal nur sein darf und wichtig genommen wird.

Lebensnarben geht nicht von der Frage aus: Was ist dein nächster Schritt? Sondern von einer anderen: Was hat dich geprägt – und wurde vielleicht nie wirklich betrauert?

In meiner Arbeit begegne ich Menschen oft genau an diesem Punkt: Sie funktionieren nach außen, haben Entscheidungen getroffen, Wege eingeschlagen. Und doch spüren sie, dass etwas Unverarbeitetes geblieben ist. Eine innere Narbe, die nicht verschwindet, nur weil das Leben weitergegangen ist. Non-death grief bildet dafür den psychologischen Rahmen.

Und Lebensnarben gibt diesem Erleben einen menschlichen, biografischen Raum.

Nicht reparieren, sondern integrieren

Der Ansatz von Lebensnarben ist bewusst kein reparierender. Es geht nicht darum, Brüche zu glätten oder Verluste „positiv umzudeuten“. Es geht darum, sie einzuweben in die eigene Geschichte.

Narben erzählen davon, dass etwas verletzt wurde – und dass Heilung stattgefunden hat, ohne dass alles wieder wie vorher wurde. Genau so verstehe ich auch Trauer ohne Tod: Als Teil einer Lebensbewegung, die nicht übersprungen oder einfach übergangen werden kann.

In diesem Sinne ist Lebensnarben eine Antwort auf genau das, was ich damals in den Beratungsgesprächen vermisst habe: Zeit, Anerkennung und die Erlaubnis, nicht sofort handlungsfähig sein zu müssen.

Ein anderer Blick auf Entwicklung

Heute weiß ich: Entwicklung beginnt nicht immer mit einem Schritt nach vorne. Manchmal beginnt sie mit dem Innehalten. Mit dem Zurückblicken. Mit dem Mut, das zu fühlen, was lange keinen Platz hatte. Non-death grief ist kein Hindernis auf dem Weg – sie ist ein Teil des Weges.

Lebensnarben ist der Versuch, diesen Teil nicht zu übergehen, sondern ernst zu nehmen.
Denn was wir integrieren dürfen, verliert seine Schwere.
Und was gesehen wird, muss nicht länger im Verborgenen wirken.

Hallo, ich bin Astrid.

Ich bin die, die zuhört. Die fragt. Die mit Dir aushält, was gerade schwer ist, ohne Ratschläge und ohne Urteile.

Trauer und Verluste gehören zum Leben dazu, auch abseits von Tod und Sterben. Ich weiß, wie sehr sie belasten können und wie wichtig es ist, dass jemand da ist, der Dich ernst nimmt, Deine Gefühle mitträgt und mit Dir gemeinsam neue Perspektiven entwickeln kann.

Ich kann Dir Deine Trauer nicht abnehmen. Aber ich kann Dir helfen, sie ein kleines Stück leichter tragen zu können. Mit Worten, mit Bildern, mit Impulsen. Damit wieder Raum entsteht in Deinem Leben: Für mehr Lebendigkeit, Leichtigkeit, Freude und neues Vertrauen. 💜

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Astrid von Prondzinski

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