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Der stille Sturm der Feiertage: Weihnachten, Trauer und die Sehnsucht nach einem Ort zum Anlehnen

Im Alltag sind wir im Funktionieren gefangen. Pflichten und Termine müssen erledigt werden. Das Jahr hat uns vorwärts getrieben und getragen, manchmal gefühlt wie auf einem Förderband. Und dann kommt der Dezember und plötzlich soll alles anders sein: Warm, besinnlich, familiär, verbunden. Als würde es einen Schalter geben, den man umlegen kann. Als wäre Nähe eine Jahreszeit.

Der gesellschaftliche Fokus verschiebt sich und mit ihm entsteht Druck. Unterschwellig oder sehr konkret: Weihnachten heißt Familie. Harmonie bitte jetzt, auf Knopfdruck. So lautet das Drehbuch.
Und wehe Dir, wenn Dein Leben nicht in dieses Drehbuch passt.

Wenn „keine Familie“ plötzlich wie ein Makel wirkt
Es gibt Menschen, die keine Familie mehr haben, weil Eltern gestorben sind, Geschwister weit weg leben oder Beziehungen abgerissen sind. Und es gibt Menschen, die bewusst keine eigene Familie gegründet haben – aus Überzeugung, aufgrund eines Lebensweges oder aus irgendeinem anderen ganz persönlichen Grund. Im Dezember werden diese Lebensrealitäten oft plötzlich auf besondere Art und Weise sichtbar. Nicht nur innerlich, sondern auch im außen:
• in den Fragen („Fährst Du über Weihnachten nach Hause?“)
• in den Selbstverständlichkeiten der anderen
• in der Art, wie sich alles um „Familienzeit“ organisiert
• und ganz banal im Kalender, der leerer wird

Viele müssen sich dann erklären. Als wäre „keine Familie“ per se etwas Defizitäres. Und das tut weh. Weil es so wenig Raum lässt für die Wahrheit dahinter. Dass es Gründe gibt, warum Menschen vorsichtig sind mit Familie. Dass manche Herkunftsfamilien eben kein Hafen waren, sondern man dort eigentlich hauptsächlich „Sturm“ erlebt hat. Dass man vielleicht mit kriegs- oder anders traumatisierten Eltern aufgewachsen ist. Mit Instrumentalisierung, emotionaler Kälte, Gewalt oder auch schmerzhaften Loyalitätsfallen.

Dass „Familie“ nicht automatisch Sicherheit bedeutet und dass man sich manchmal sein Leben mühsam aus so einem System heraus gebaut hat. Unter dem Jahr zählt das auch, denn dann sind da Freundschaften, Wahlfamilien und andere tragende Beziehungen. Da ist halt Alltag, Arbeit und ein gewohnter Rhythmus.
Aber an den Feiertagen versammeln sich fast alle um ihre Herkunft. Das soziale Leben fährt runter und dann steht man da und merkt: Mein Modell wird in diesen Tagen nicht mitgedacht. Das ist eine Form von stiller Ausgrenzung. Ganz sicher nicht böse gemeint und trotzdem für alle Betroffenen äußerst schmerzhaft.

Wenn Alleinsein in Einsamkeit kippt
Viele Menschen erleben an den Feiertagen eine Verschiebung: Unter dem Jahr ist Alleinsein etwas Gewähltes oder zumindest etwas, das funktioniert. Man hat seinen Rhythmus, seine Menschen, seine Orte. Aber sobald die Feiertage beginnen, verschwinden oft die sozialen Ankerpunkte. Plötzlich ist niemand spontan da, denn alle sind „weg“. Alle sind „mit Familie“. Und dann kippt etwas. Nicht immer richtig dramatisch, aber trotzdem deutlich spürbar: Alleinsein wird Einsamkeit. Diese Einsamkeit ist nicht die Abwesenheit von Menschen. Sondern diese Form der Einsamkeit ist das Gefühl, dass man nicht gemeint ist. Nicht dazu gehört. Dass die Welt gerade um etwas kreist, zu dem man keinen Zugang hat. Das ist für viele wesentlich mehr, als einfach nur irgendwie traurig. Das ist existenziell.

„An Weihnachten fahre ich doch wieder hin.“
Was ich in diesem Zusammenhang sinngemäß öfter höre: „Sobald die Feiertage beginnen, verschwindet mein Sozialleben irgendwie. Dann fühlt sich mein Alleinsein, mit dem ich sonst gut klar komme irgendwie einsam an und das bringt mich dann dazu, doch wieder zu meiner Familie zu fahren. Aber dort existiere ich nur, wenn ich mich anpasse. Wer ich heute inzwischen bin, findet dort nicht statt.“

Das ist tatsächlich kein Einzelfall. Weihnachten wirkt da wie ein Brennglas für alte familiäre Dynamiken. Plötzlich wird spürbar:
• Wer durfte früher sein, wie er ist?
• Wer musste sich anpassen?
• Wer war verantwortlich für den Frieden?
• Wer war das schwarze Schaf?
• Wer musste stark sein, damit andere nicht fühlen müssen?

Dazu kommt auch noch: Wie stark wirken transgenerationale Muster bis heute.
Viele fahren nicht „nach Hause“, weil es so schön ist, sondern weil die Einsamkeit sonst zu laut wird. Weil der innere Reflex sagt: Lieber wieder rein in die alte Rolle, als allein in dieser Zeit sein. Das ist verständlich, aber es kostet auch viel Kraft.

Weihnachten als Trauerzeit – auch ohne Todesfall
Meine Arbeit beruht auf der Grundlage, dass Trauer nicht nur entsteht, wenn jemand stirbt. Trauer entsteht auch, wenn etwas fehlt, das wir gebraucht hätten oder aber, wenn etwas verloren geht, das früher selbstverständlich war. Weihnachten bringt genau diese Trauer nach oben:
• Trauer um Eltern, die nicht mehr da sind
• Trauer um die Familie, die es nie gab
• Trauer um das Leben, das anders geworden ist
• Trauer um Zugehörigkeit, die man nicht erlebt
• Trauer um eine Rolle, die man nicht mehr spielen will
• Trauer um alte Ideale

Und manchmal auch Trauer um sich selbst als Kind. Um das, was man damals getragen hat. Und was heute an Feiertagen irgendwie wieder auf die Bühne will. Diese Trauer ist real. Auch wenn sie keinen offiziellen Namen und keine Beileidskarte bekommt.

Was helfen kann (ohne ein lapidares „mach das Beste draus“)
Ich mag keine schnellen Rezepte. Aber ich glaube an kleine, klare Orientierungen:
1. Erlaube Dir, dass Deine Wahrheit gilt.
Wenn du keinen Familienhafen hast, ist das keine Schande. Es ist eben eine Lebensrealität.
Und sie darf sich traurig anfühlen, ohne dass Du Dich dafür erklären musst.
2. Verwechsle Nähe nicht mit Pflicht.
Nur weil es „Weihnachten“ ist, musst Du nicht in Rollen zurückgehen, die Dich klein machen.
Du darfst entscheiden, was für Dich tragbar ist.
3. Baue dir Rituale, die Dich meinen.
Nicht als „Ersatzfamilie auf Zeit“, sondern als Würdigung Deines Weges. Ein Spaziergang, ein Kerzenritual, ein Brief, ein Essen mit Wahlmenschen. Etwas, das sagt: Ich bin selbstbestimmt hier. Ich bin gemeint.
4. Nimm die Einsamkeit ernst.
Nicht als Schwäche, sondern als Signal, dass Zugehörigkeit ein Grundbedürfnis ist und Dir Deine Trauer einfach gerade nur zeigt, dass das jetzt auch für Dich einen bewussten Ort braucht.
5. Hol dir Resonanz.
Manchmal braucht Trauer ein Gegenüber, das nicht beschwichtigt. Nicht bewertet. Und nicht weggeht. Vielleicht gibt es ja jemanden dem Du Dich mit diesen Gefühlen einmal ganz bewusst anvertrauen kannst? (Wenn Du möchtest: Ich bin gerne für Dich da, schreib mir unter lebensnarben.de)

Weihnachten ist für viele ein Fest. Und für andere eine Schwellenzeit, ein Spiegel und damit eine Zeit voll innerer Stürme. In jedem Fall ein Ort, an dem sichtbar wird, was fehlt oder nie wirklich da war. Wenn Du Dich und Deine Situation hier wiederfindest: Du bist nicht falsch und Du bist nicht allein damit. Dein Lebensmodell ist nicht weniger wert. Und deine Trauer ist kein Defekt, sondern eine Reaktion auf Bedeutung. Und vielleicht ist das die ehrlichste Form von Würde in dieser Zeit: Nicht so zu tun, als wäre alles warm und heil, sondern sich selbst dort treu zu bleiben, wo andere es nicht sehen.

 

Hallo, ich bin Astrid.

Ich bin die, die zuhört. Die fragt. Die mit Dir aushält, was gerade schwer ist, ohne Ratschläge und ohne Urteile.

Trauer und Verluste gehören zum Leben dazu, auch abseits von Tod und Sterben. Ich weiß, wie sehr sie belasten können und wie wichtig es ist, dass jemand da ist, der Dich ernst nimmt, Deine Gefühle mitträgt und mit Dir gemeinsam neue Perspektiven entwickeln kann.

Ich kann Dir Deine Trauer nicht abnehmen. Aber ich kann Dir helfen, sie ein kleines Stück leichter tragen zu können. Mit Worten, mit Bildern, mit Impulsen. Damit wieder Raum entsteht in Deinem Leben: Für mehr Lebendigkeit, Leichtigkeit, Freude und neues Vertrauen. 💜

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Astrid von Prondzinski

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